Zwischen Neckar und Alb

„Ich wollte von der Politik nie abhängig sein“

Karriere Der einstige SPD-Abgeordnete ­Siegmar Mosdorf kehrte 2002 der Politik den Rücken. Wenn Martin Schulz einen Rat braucht, ist er dennoch zur Stelle. Von Alexander Maier

Siegmar Mosdorf hätte eine große Politikerkarriere in Berlin machen können. Seine Angst, die Bodenhaftung zu verlieren, hielt ih
Siegmar Mosdorf hätte eine große Politikerkarriere in Berlin machen können. Seine Angst, die Bodenhaftung zu verlieren, hielt ihn davon ab. Foto: Roberto Bulgrin

Es gab eine Zeit, da sahen viele in ihm ein Versprechen auf eine bessere Zukunft der SPD, im Land und auch im Bund. Er war Esslinger Bundestagsabgeordneter, wurde Parlamentarischer Staatssekretär in Gerhard Schröders Kabinett und holte 1998 mit 46 Prozent der Erststimmen das Direktmandat im Wahlkreis Esslingen. Und allen war klar, dass Siegmar Mosdorfs politische Karriere ihren Höhepunkt damit noch lange nicht erreicht hatte. Um­so überraschender kam 2002 sein Rückzug aus der großen Politik. Mosdorf ging nach München, gründete dort mit zwei Partnern eine Unternehmensberatung, die heute weltweit agiert, und zog fortan im Hintergrund die Fäden. 15 Jahre sind seither vergangen. Er ist überzeugt: „Ich habe alles richtig gemacht.“ Mit seiner zweiten Ehefrau, der Fernsehjournalistin Isolde Krupok, und zwei gemeinsamen Söhnen lebt der 65-Jährige in Potsdam, sein Büro hat er in der Hauptstadt.

Man könnte sich fragen, wo die Landes-SPD heute stehen würde, wenn die Partei 2000 den studierten Verwaltungswissenschaftler als Spitzenkandidat zur Landtagswahl nominiert hätte und nicht seine Kontrahentin Ute Vogt, die später vom Wähler als zu leicht empfunden wurde. Mit solchen Gedanken mag sich Siegmar Mosdorf schon lange nicht mehr aufhalten. Er hat sich 2002 bewusst dafür entschieden, der Politik den Rücken zu kehren und mit 49 Jahren etwas Neues anzufangen. „Es gibt in vielen Berufen das, was man eine ‚Déformation professionelle’ nennt. In der Politik ist die Gefahr, sich zu verbiegen, groß. Man begegnet ständig denselben Leuten und ist unter sich.“ Manchen gehe so die nötige Bodenhaftung verloren, und sie merken es nicht einmal. „Ich wollte von der Politik nie abhängig werden. Das nimmt einem die Souveränität, die man braucht, um seiner Aufgabe gerecht zu werden.“

Siegmar Mosdorf hat sich zum Sprung ins kalte Wasser entschlossen. Gemeinsam mit zwei Partnern, die in der Wirtschaft ähnlich gut vernetzt sind, hat er 2002 die internationale Unternehmensberatung CNC - Communications & Network Consulting gegründet: Christoph Walther, damals weltweiter Kommunikationschef von Daimler, und Roland Klein, Kommunikationschef von Ericsson. Mit einem achtköpfigen Team ging CNC damals in München und London an den Start - heute zählt das Unternehmen 210 Mitarbeiter mit Standorten in Abu Dhabi, Berlin, Brüssel, Dubai, Frankfurt, London, Mumbai, München, Neu-Delhi, Paris, Seoul, Stockholm und Tokio. Das wichtigste Pfund, mit dem er wuchern kann, sind seine langjährigen Kontakte in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Man kennt sich, man vertraut sich, und man kann vieles auf direktem Wege klären.

Mosdorf verfolgt das politische Geschehen weiterhin mit großem Interesse - besonders mit Blick auf die SPD. „Die Gesellschaft ist differenzierter, und die Bindungen an eine bestimmte Partei sind geringer geworden. Das ist quer durch Europa zu beobachten.“ Er rät den Sozialdemokraten, verstärkt den gesellschaftlichen Diskurs zu forcieren. Und er greift durchaus auch mal zum Telefonhörer und tauscht sich mit Martin Schulz oder Sigmar Gabriel aus, wenn er das Gefühl hat, helfen zu können.

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