Zwischen Neckar und Alb

Im Notfall muss jeder Handgriff sitzen

Medizinisches Personal der Kreiskliniken trainiert Ausnahmesituationen an einer Simulationspuppe

Ein Patient wird auf einer Liege in den Behandlungsraum geschoben, mit geweiteten Pupillen, einem Krampfanfall, die Geräte zeigen instabile Kreislauffunktionen an. Eine schreiende Frau muss beruhigt werden, während die Ärzte um das Leben des Verunglückten kämpfen. Eine Simulation nur, mit einer Hightech-Puppe in der Nürtinger Klinik, doch frappierend realistisch.

Trainieren den Ernstfall (von links): Dr. Heiner Stäudle, Assistenzarzt an der Nürtinger Klinik, die Krankenpflegerin Marina Riz
Trainieren den Ernstfall (von links): Dr. Heiner Stäudle, Assistenzarzt an der Nürtinger Klinik, die Krankenpflegerin Marina Rizzato und die medizinische Fachangestellte Doreen Mildemann beatmen die Hightech-Simulationspuppe.Foto: Jürgen Holzwarth

Nürtingen. Während Ärzte in der Ausbildung nach und nach in die Praxis eingeführt werden, etwa indem sie bei Operationen zunächst zuschauen, dann assistieren, bevor sie selbst tätig werden, ist eine solche Ausbildungssituation in akuten Notfällen nicht möglich. Dann kann weder gelehrt noch geübt werden, jeder Handgriff, jede Entscheidung muss sitzen. Deshalb absolvieren mehrere Abteilungen der Kreiskliniken Esslingen ein Simulationstraining, wie auch gestern an der Nürtinger Klinik.

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Dr. Jörg Sagasser, der Medizinische Direktor der Kreiskliniken, erläutert: „Studien zeigen, dass Probleme zu 70 Prozent nicht auf mangelndes Fachwissen, sondern auf Fehler im Teammanagement zurückzuführen sind. Gerade auch weil solche Krisensituationen selten sind, wollen wir trainieren, um optimal vorbereitet zu sein und damit einen Beitrag zu noch mehr Patientensicherheit zu leisten.“

Dr. Thomas Kieber, Oberarzt für Anästhesie und operative Intensivmedizin an der Nürtinger Klinik, ist zuständig für die Organisation und den Ablauf des Simulationstrainings. Kernstück ist der künstliche Patient, der über raffinierte Technik verschiedene Szenarien simuliert und von einem außerhalb liegenden Überwachungsraum gesteuert werden kann.

Der Hightech-Puppe können Infusionen gelegt werden, sie kann künstlich beatmet werden, sodass sich im Erfolgsfall der Brustkorb wieder hebt und senkt, ihre Pupillen können sich weiten, durch Luftpolster kann ein Zusammenfall eines Lungenflügels simuliert werden, ein aufgeblähter Bauch kann auf innere Blutungen hinweisen, auch künstliches Blut kann fließen, Darm und Lungengeräusche können simuliert oder auch Gliedmaßen abgenommen werden, um nur einige Fähigkeiten des künstlichen Patienten zu nennen. Aus dem Überwachungsraum können Geräusche eingespielt oder der Puppe eine Sprache verliehen werden. Auf einem Monitor sind alle Vitalfunktionen des „Patienten“ angezeigt und können aus dem Steuerungsraum entsprechend der Situation beeinflusst werden.

„Wir könnten die Teams auch in Schulungszentren schicken, doch haben wir uns entschieden, das mit mobilen Angeboten vor Ort zu machen“, so Dr. Kieber. Der Vorteil: Ärzte und Assistenzpersonal können mit ihren eigenen ihnen bekannten Gerätschaften üben. Dr. Kieber hat das Simulationstraining an der Universitätsklinik in Tübingen kennengelernt und mitentwickelt. Vor der Übung schreiben er und sein Simulationsteam eine Art Drehbuch. Darin werden die Art der Verletzungen und Komplikationen festgelegt. Die Übung wird mit Kameras aufgezeichnet und danach besprochen. Dabei geht es dann nicht nur um die medizinischen und technischen Fertigkeiten, sondern auch um Kommunikation und Teamführung.

Dr. Ulrich Römmele, Ärztlicher Direktor des Klinikums Nürtingen-Kirchheim und Chefarzt der Klinik für Innere Medizin in Nürtingen, bestätigt: „Man vergisst schnell, dass es sich um eine Puppe handelt, so echt wirkt das Szenario.“ Die Simulation vermittle eine realistische Stresssituation. „Da kommen schnell auch Gefühle auf, die es gilt, zu beherrschen“, sagt er.

Dr. Sagasser betont: „Die Routine für gängige, kleinere Zwischenfälle, etwa bei Operationen, hat das medizinische Personal verinnerlicht, trainiert werden eher die selteneren und schwerwiegenderen Notlagen. Es muss klar sein, in welcher Reihenfolge die Eingriffe erfolgen sollen, was von den Einzelnen erwartet wird. Dazu braucht es eine klare Kommunikation und klare Übergaben, es muss immer deutlich sein, wer wann den Hut auf hat“, so Dr. Römmele. Das zu üben, sei ein wichtiges Element der Fortbildung, das man als Akademisches Lehrkrankenhaus der Universität Tübingen nun biete.

Darin sieht auch Klinikdirektor Norbert Nadler neben der Patientensicherheit einen weiteren wichtigen Aspekt: „Das Simulationstraining hilft, Personal zu gewinnen, zeigen wir damit doch, dass uns Aus- und Fortbildung der Pflegekräfte und der Ärzte am Herzen liegen.“ Allein für die 20 Trainingseinheiten an allen Kreiskliniken innerhalb der nächsten zwei Jahre investiere man 270 000 Euro.