Zwischen Neckar und Alb

Immer mehr verlassen die Kirche

Statistik Mehr als eine halbe Million Menschen kehrten 2019 auf diesem Weg den beiden großen Kirchen in Deutschland den Rücken zu. Auch die Gemeinden im Landkreis Esslingen sind betroffen. Von Julia Hawener

Volle Kirchenbänke gehören nicht erst seit Corona der Vergangenheit an. Symbolfotos: J.L.J.
Die Kirchen bleiben immer öfter leer. Symbolfotos: J.L.J.

Rund 30 Euro ärmer und einen kurzen Trip zum Standesamt später, schon ist es passiert - der Austritt aus der Kirche ist vollzogen. „Die Kirchenaustrittszahlen sind hoch, und sie sind schon länger hoch“, bestätigt der katholische Dekan Paul Magino. Bereits seit einigen Jahren steige die Zahl der Menschen, die den Kirchen den Rücken zukehren, jährlich leicht an. Überraschend seien die 1695 Austritte im Dekanat Esslingen-Nürtingen, das dem Kreis Esslingen entspricht, im Jahr 2019 also nicht. Jedoch „haben sich die Zahlen auf ein Niveau begeben, mit dem wir früher nicht gerechnet hätten.“

Auf evangelischer Seite hat es 2019 2390 Austritte in Kirchbezirken der Region Stuttgart, die in den Landkreis Esslingen ragen, gegeben. „Wie viele Austritte davon auf Gemeinden im Kreis Esslingen entfallen, kann ich nicht sagen“, erklärt Oliver Hoesch, Sprecher der evangelischen Landeskirche Württemberg.

Wie aber geht das, aus der Kirche austreten? In Baden-Württemberg läuft der Austritt über das zuständige Standesamt. Dort muss lediglich ein vorgefertigtes Formular ausgefüllt und abhängig vom Wohnort eine einmalige Gebühr von zehn bis 35 Euro gezahlt werden. Früher lief dieses Prozedere laut Magino weniger anonym ab: „Damals musste man sich persönlich im Pfarramt melden und dort seinen Austritt erklären.“ Das sei für viele eine höhere Hürde gewesen. Magino vermutet, dass einige, wenn sie sowieso im Amt sind, um einen neuen Pass zu beantragen oder sich umzumelden, die Gelegenheit nutzen, um aus der Kirche auszutreten. „Manchmal bekommen wir Mitteilungen zum Kirchenaustritt, bevor die Person überhaupt bei uns in der Gemeinde gemeldet war“, sagt Magino. Wer austritt, wird von seiner Gemeinde angeschrieben mit der Bitte, die Gründe zu nennen, sagt Bernd Weißenborn, Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Esslingen. Auch die katholische Kirchengemeinde verschickt einen ähnlichen Brief, der zudem zu einem Gespräch einlädt.

Doch woran liegt es, dass so viele Menschen nicht mehr Teil der Kirchengemeinde sein möchten? Genaue Gründe seien schwer zu nennen, da auf die Briefe selten eine Antwort komme und auch „die nach dem Austritt angebotenen Gespräche so gut wie nie wahr­genommen werden“, berichtet Ralf Schöffmann, Referent für Öffentlichkeitsarbeit des katholischen Dekanats Esslingen-Nürtingen. Trotzdem haben sowohl Dekan Magino als auch Dekan Weißenborn Vermutungen. Zum einen sind es laut Weißenborn individuelle, persönliche Gründe: „Menschen können mit der Kirche nichts mehr anfangen und haben sich von ihr entfernt“, sagt er. Magino ist der Meinung, dass Bindungen an Gruppierungen, an Einrichtungen im Allgemeinen, in der Gesellschaft abnehmen. „Es besteht ein Trend zur Individualisierung.“ Missbrauchs- und Finanzskandale, in die zum Teil beide Kirchen verwickelt waren, seien ebenfalls Grund für Austritte. Durch Prävention und Schulungen will die Kirche laut Weißenborn sicherstellen, dass sich diese nicht wiederholen.

Gleichberechtigung der Frau, Machtverteilung in der Kirche, Zölibat auf der einen sowie frei gelebte Sexualität auf der anderen Seite seien Themen, die die Kirche schon lange vor sich hertrage. „Jetzt braucht es Taten“, sagt Magino. Weißenborn bestätigt, dass auch in der evangelischen Gemeinde Mitglieder mit einzelnen kirchenpolitischen Entscheidungen oder dem Verhalten bestimmter Personen unzufrieden sind. „Sie vermissen die Glaubwürdigkeit im Handeln von Kirchenvertretern und lösen sich deshalb von der Kirche“, vermutet er.

Ein weiterer und von beiden Kirchen genannter Grund ist, wie Ralf Schöffmann es nennt, „ein deutsches Spezialphänomen“. Hier gibt es nämlich ein Binnenverhältnis zwischen Staat und Kirche, das vor allem in der Kirchensteuer deutlich wird. „Viele wollen diese einfach nicht mehr zahlen“, sagt Schöffmann. Das ist laut Weißenborn gerade bei der jüngeren Generation der Mitte 20- bis Mitte 30-Jährigen zu beobachten. Wenn diese Generation ins Erwerbsleben eintritt und Kirchensteuer bezahlen muss, habe das oft zur Folge, dass sie sich zu einem Kirchenaustritt entschließt.

Vereinzelt gibt es laut beiden Dekanen auch Kircheneintritte, allerdings bei Weitem nicht in der Höhe der Zahlen der Austritte. Um den Eintritt selbst gehe es primär aber auch gar nicht. „Viel wichtiger ist es, Menschen wieder hin zum Glauben zu führen“, sagt Weißenborn. Trotzdem ist es den beiden großen Kirchen ein Anliegen, Mitglieder zu halten. Man müsse Brücken bauen und vor allem

Kein blindes Missionieren

Glaubwürdigkeit vermitteln, sagt Bernd Weißenborn. Dazu gehöre es zu zeigen, dass die in der Kirche Verantwortlichen für den Glauben brennen. Die Kirche sollte nahe bei den Menschen sein und ihnen Hoffnung geben, „ohne in ein blindes Missionieren zu verfallen“. Denn das führe am Zweck vorbei, weiß Weißenborn. Wichtig sei es auch, sich durch Aktionen immer wieder in Erinnerung zu bringen und Innovation zu zeigen.

Immer mehr werden die Kirchenver­treter zu Öffentlichkeitsarbeitern. Das findet der katholische Dekan Paul Magino wichtig, „damit die Mitglieder wissen, was alles von der Kirche unterstützt wird“. Von Caritas, Kindergärten bis hin zur Familienpflege lebe viel von kirchlicher Unterstützung.

Jubiläumsgottesdienst 100 Jahre Christuskirche
Volle Kirchenbänke gibt es - auch ohne Corona - immer seltener.
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