Zwischen Neckar und Alb

Immer wieder eine Überraschung

Handwerk In Baden-Württemberg sind fürs Jahr 2017 gerade mal fünf Keramiker-Lehrlinge vermerkt. Und das, obwohl der Beruf viel zu bieten hat. Von Cornelia Wahl

Jürgen Kretschmar in seiner Werkstatt in Balzholz: Vor beinahe 40 Jahren legte er seine Gesellenprüfung als Keramiker ab. Das Ma
Jürgen Kretschmar in seiner Werkstatt in Balzholz: Vor beinahe 40 Jahren legte er seine Gesellenprüfung als Keramiker ab. Das Material fasziniert ihn aber noch immer.Foto: Cornelia Wahl

Wer das Geschäft von Jürgen Kretschmar in Balzholz betritt, kündigt sich mit einem lauten Gebimmel an und öffnet die Tür in die bunte Vielfalt, die der Beruf des klassischen Keramikers mit sich bringt: Tassen, Teller, Vasen in groß und klein, Etageren, kleine und große Engel, Kerzenhalter für Teelichter, Vögelchen, komplette Espresso-Gedecke, Service, große Kugeln für den Garten oder Kacheln für Öfen so weit das Auge reicht. „Man muss über den Tellerrand gucken und ein vielseitiges Produktangebot liefern“, weiß Jürgen Kretschmar aus Erfahrung. So vielfältig das Angebot, so vielfältig sind auch die Farben und Dekore der Gewerke: bunt, hell oder dunkel. Kein Stück gleicht dem anderen - echtes Handwerk eben.

Jürgen Kretschmar ist ausgebildeter Keramiker. Vor seiner Gesellenprüfung im Jahr 1979 hat er eine dreijährige Lehre hinter sich gebracht und dann unter anderem in einer Werkstatt für Baukeramik mitgearbeitet. 1985 legte er seine Meisterprüfung in Landshut und in Nürtingen ab. Gleich da­rauf gründete er seine Werkstatt in Balzholz bei Beuren.

Jürgen Kretschmars Arbeit beginnt auf einer Töpferscheibe, die in etwa das Ausmaß eines Pizzabodens hat. Der Meister schneidet zuvor von einem 80 Kilogramm schweren Block mit einem Draht ein Blatt herunter und macht es zu einem Tonklumpen. Ton ist in zig Millionen Jahren aus Granit entstanden. Der hohe Wassergehalt macht ihn weich und formbar. Je nach Anwendung und gewünschten Gebrauchseigenschaften wird er mit anderen Materialien vermischt.

Jede Werkstatt ist anders

Die Scheibe fängt an, sich mit dem darauf liegenden Werkstoff zu drehen. Mit nassen Fingern und dem Ton in seinen Händen formt der Töpfer die Masse rund. Mit dem Daumen schafft er zunächst einen Hohlraum und damit die Grundform, aus der Becher, Schalen oder Vasen entstehen. Das fertige Produkt wird dann zum Trocknen gestellt. Danach kommt es zum Brennen in den Ofen. „Die Keramik wird in der Regel mindestens zweimal gebrannt“, erklärt Jürgen Kretschmar. „Beim ersten Brand muss das Stück ganz trocken sein, sonst könnte es beim Brennen explodieren“, fügt er hinzu. Fürs Glasieren braucht es die entsprechenden Kenntnisse. Glasur und Keramik müssen zusammenpassen. Da muss ausprobiert werden. Dann folgt der zweite Brennvorgang. Die Temperaturen sind unterschiedlich. Sie liegen zwischen 1 040 und 1 400 Grad Celsius.

„Es ist immer wieder ein Überraschungsmoment, wenn der Ofen aufgemacht wird“, erzählt er. „Ton ist ein faszinierendes Material mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften. Nachahmen geht nicht. Jede Werkstatt hat eine eigene geheime Rezeptur“, schwärmt er. Der Brennvorgang macht aus dem Ton ein völlig anderes Material.

Die handwerkliche Arbeit mit dem Naturmaterial erfordert also neben Konzentration, Kraft, Kreativität, Form- und Fingerspitzengefühl, Technik und Verantwortungsbewusstsein auch Kenntnisse in Chemie, Mathematik und Physik. Dazu kommt eine gute Portion Einfühlungsvermögen, wenn es um die Umsetzung von Kundenwünschen geht.

Die dreijährige Ausbildung findet im Betrieb und in der Berufsschule statt. Am Ende steht die Gesellenprüfung. Danach kann die Meisterprüfung folgen oder eine Fortbildung zum Keramik-Techniker. Anders als der Industriekeramiker stellt der Töpfer alles andere als Massenware her. Und das macht den klassischen Keramiker schon wieder zu einem Beruf mit Zukunft, in Zeiten, in denen die Menschen nach mehr Individualität streben.

Infos in Kürze: Die Keramiker-Ausbildung

Welcher Schulabschluss ist nötig? Für die Ausbildung zum Keramiker wird keine höhere Schulbildung vorausgesetzt.

Welche Anforderungen sollte ein Auszubildender mitbringen? Handwerkliches Geschick, Sorgfalt, Geschicklichkeit, Kreativität und ästhetisches Empfinden sind Anforderungen an die Lehrlinge.

Welche Schulfächer umfasst die Ausbildung? Werken und Technik, Kunst, Mathematik und Chemie stehen unter anderem auf dem Lehrplan für die Keramiker-Ausbildung.

Wie lange dauert die Ausbildung zum Keramiker? Die Ausbildung dauert drei Jahre. Sie findet in der Berufsschule und im Betrieb statt. Die Keramiker-Lehre endet mit der Gesellenprüfung, in der erlangte Kenntnisse und Fähigkeiten durch ein Gesellenstück nachzuweisen sind.cw

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