Zwischen Neckar und Alb

In 180 Sekunden am brennenden Flugzeug

Sicherheit Flugzeuge zählen zu den sichersten Verkehrsmitteln. Damit das so bleibt, probt die Flughafenfeuerwehr regelmäßig den Ernstfall. Von Daniela Haußmann

Ein Triebwerksbrand steht bei den groß angelegten Übungen der Flughafenfeuerwehr ganz oben auf dem Programm.Foto: Daniela Haußma
Ein Triebwerksbrand steht bei den groß angelegten Übungen der Flughafenfeuerwehr ganz oben auf dem Programm.Foto: Daniela Haußmann

London, Teneriffa, Mailand, Istanbul, Venedig - Flieger aus aller Welt starten und landen auf den Fildern. Sicherlich wird sich so mancher Urlauber oder Geschäftsreisende schon gefragt haben, was passiert, wenn das Flugzeug Feuer fängt.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass es hoch über den Wolken zu einem Brand kommt, tendiert gegen null“, betont Andreas Rudlof. Der Leiter der Flughafenfeuerwehr Stuttgart muss es wissen. Seit fast 25 Jahren bestimmen ankommende und abfliegende Passagiermaschinen seinen Arbeitsalltag. „In der Nachkriegsgeschichte des Airports ist es auf dem Vorfeld noch nie zu einem hollywoodreifen Großbrand oder einer Explosion gekommen“, berichtet der 50-Jährige, vor dessen Bürofenster die stählernen Vögel langsam vorbeirollen. Aus Rudlofs Sicht ist es mehr als unwahrscheinlich, dass eine Maschine auf dem Boden explodiert: „Zum einen ist Kerosin nicht hoch entzündlich und zum anderen ist der Vorrat schon stark verbraucht, wenn die Maschine ankommt.“ Das Risiko eines Zwischenfalls lässt sich auf die Start- und Landephase eingrenzen.

„Während der Beschleunigung, aber auch dem Aufsetzen und Abbremsen der Maschine entstehen immense Kräfte, die technische Bauteile, wie Schläuche, Leitungen, Reifen, Bremsen oder das Fahrwerk, enormen Belastungen aussetzen.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Unfall kommt, ist daher bei Start und Landung am größten. Doch Andreas Rudlof beruhigt: „Weltweit ist in den letzten fünf Jahren statistisch betrachtet etwa zehn bis fünfzehn Mal an Bord einer Maschine ein Feuer ausgebrochen.“ Ein verschwindend geringer Prozentsatz, wenn man bedenkt, dass rund um den Globus jährlich Flugzeuge zigtausend Male unterwegs sind. Eine Rolle spielt dabei, dass die Maschinen immer größer werden. „Sie nehmen mehr Passagiere auf. Damit reduziert sich nicht nur die Zahl der Flieger, die in der Luft sind, sondern auch die Zahl der Zwischenfälle“, erklärt der Feuerwehrmann, der betont, dass „es auch dank innovativer Sicherheitstechnik und verbesserter Konstruktionen zu weniger Flugzeugbränden kommt“.

Feuerwehr steht immer parat

Bei jeder einzelnen Maschine, die im Sinkflug die Teck passiert, um auf der über drei Kilometer langen Landebahn des Stuttgart Airport aufzusetzen, muss die Feuerwehr in nur 180 Sekunden aktiv werden können. „Dafür stehen Tag und Nacht neun Werkfeuerwehrleute bereit, die mit großem Gerät pro Minute über 32 000 Liter Löschmittel ausbringen können.“ Sobald ein brennendes Flugzeug zum Stehen kommt, eilen Einsatzfahrzeuge heran. Mit einem Stahlrohr, das die Form eines Speers hat, wird der Metallrumpf des Fliegers durchstoßen. Gleich darauf wird ein feiner Wassernebel in der Fluggastkabine erzeugt. „So wird die Innentemperatur gesenkt“, erklärt der Fachmann. „Würde man die Tür bei größeren Bränden einfach so öffnen, könnte es zu einer Rauchgasdurchzündung kommen.“ Darunter ist ein schlagartig entstehender Brand zu verstehen, wenn verbaute Kunststoffe so heiß werden, dass sie brennbare Gase absondern. Auch Rußpartikel lassen sich mithilfe des Wassers binden. „Das reduziert die Gefahr einer Rauchgasvergiftung deutlich.“

Die Rettung von Menschen besitzt oberste Priorität. Deshalb werden die Passagiere so schnell wie möglich über Rutschen oder ein spezielles Feuerwehrfahrzeug, das über eine Gangway verfügt, in Sicherheit gebracht. „Wer nicht aus eigener Kraft von Bord gehen kann, bekommt Hilfe von den Feuerwehrleuten.“ Darüber hinaus haben rund 80 Airportmitarbeiter eine Ersthelferausbildung durchlaufen.

Außerdem werden bei einer entsprechenden Notlage sofort weitere Rettungskräfte im Landkreis Esslingen und aus der Stadt Stuttgart alarmiert. Im Ernstfall sind deshalb bis zu 150 Einsatzkräfte vor Ort. Bei über 100 Verletzten wird die Großalarmstufe 3 ausgerufen, die eine über den Landkreis Esslingen hinausgehende Alarmierung von Rettungskräften nach sich zieht. „Binnen 20 Minuten bauen die einen Behandlungsplatz auf, auf dem Passagiere untersucht und anhand ihrer Verletzungen kategorisiert werden“, erklärt Andreas Rudlof. „So wird vermieden, dass umliegende Kliniken an ihre Kapazitätsgrenzen geraten.“

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