Zwischen Neckar und Alb

Interview: Die Hälfte bleibt ohne Behandlung

Dr. Gunter Joas
Dr. Gunter Joas

Die Kliniken im Kreis arbeiten erfolgreich Hand in Hand mit einer Vielzahl an Beratungsstellen. Trotzdem ist es um die Versorgung psychisch Kranker nirgendwo schlechter bestellt als im Süden Deutschlands, sagt Dr. Gunter Joas, Chefarzt der Kinder - und Jugendpsychiatrie am Klinikum in Esslingen.

 

Herr Dr. Joas, im Kreis fehlt es an stationären und ambulanten Therapieplätzen. Was bedeutet das für Sie im Alltag?

Dr. Gunter Joas: In der Kinder- und Jugendpsychiatrie steht im bundesweiten Vergleich nur noch Bayern schlechter da als wir. In der Praxis heißt das, rund die Hälfte der behandlungsbedürftigen Kinder erhalten keine Therapie. Mit unseren 26 stationären und elf Tagesplätzen übernehmen wir die Notversorgung im Kreis, darüber hinaus gibt es lange Wartezeiten von mehreren Monaten. Über die Jahreswende hatten wir eine Belegung von 116 Prozent.

 

Was heißt das für Patienten?

Dass es viel zu lange dauert, bis man sich um die Probleme kümmern kann und schauen, was in den Familien los ist. Psychische Krankheiten neigen zur Chronifizierung. Man muss wissen: 50 Prozent aller psychiatrischen Erkrankungen haben sich bis zum 14. Lebensjahr manifestiert, 75 Prozent im Alter von sieben bis 24.

 

Gibt es heute tatsächlich mehr Erkrankungen oder nur eine bessere Diagnostik?

Beides. Natürlich gibt es immer wieder Modediagnosen, die gehyped werden und dann wieder verschwinden. Neben ADHS, das immer ein Thema ist, nehmen vor allem Angsterkrankungen, also Depressionen, zu. Ein großes Problem bei Jugendlichen ist die Frage der Identitätsentwicklung. Auf der einen Seite ist alles möglich, auf der anderen Seite der Druck, funktionieren zu müssen, extrem groß.

 

Erkrankungen treten vor allem in sozial schwächeren Schichten auf. Ein Vorurteil?

Das ist völliger Quatsch. Natürlich muss man schauen, was es für Muster gibt in der Familie. Ein niedriger sozialökonomischer Status ist ein Risikofaktor, auch Alleinerziehende. Deshalb brauchen wird dringend Eltern-Kind-Stationen. Psychische Erkrankungen treffen aber grundsätzlich auch intakte Familien und Gutverdiener.

 

Am Ende noch eine Grußadresse an die Politik?

Ich sage nur: Kinderland Baden-Württemberg. Ich bin von der Landesregierung enttäuscht, dass wir als reiches Land, was die Bettenzahl betrifft, so schwach ausgestattet sind. Das ist eigentlich unglaublich.

Anzeige