Zwischen Neckar und Alb

Jede Tracht hat eine Bedeutung

Brauchtum Bei der Jubiläumsfeier der Kreisgruppe Kirchheim-Nürtingen versammelten sich Siebenbürger Sachsen aus der ganzen Region. Mit ihren Trachten halten sie bis heute an einer Tradition fest. Von Thomas Krytzner

Sie tragen ihre Tracht aus Tradition und mit Stolz: die Siebenbürger Sachsen.Foto: Thomas Krytzner
Sie tragen ihre Tracht aus Tradition und mit Stolz: die Siebenbürger Sachsen. Foto: Thomas Krytzner

An der Jubiläumsfeier in Oberensingen nahmen nicht nur Siebenbürger Sachsen aus dem Landkreis Esslingen teil, sondern auch aus Metzingen, Böblingen, Schwäbisch Gmünd und Aalen. Zum 50. Geburtstag des Kreisverbandes Kirchheim-Nürtingen kamen alle in ihrer Tracht, sangen und tanzten. Otmar Heirich, Oberbürgermeister der Stadt Nürtingen, zeigt sich fasziniert von der Geschichte der Siebenbürger Sachsen. „Nachkommen der Siebenbürger Sachsen leben heute verstreut in aller Welt. Doch die Heimat bleibt“, stellt der Oberbürgermeister fest. „Sie haben die Kultur der Städte Kirchheim und Nürtingen bereichert. Brauchtumspflege und Trachten sind wichtige Zeugen der Herkunft.“ Aber Otmar Heirich mahnt auch, offen für Neues zu sein und hofft, dass Nürtingen und Umgebung zu einer neuen Heimat für die Heimkehrer geworden sind.

Auf der Suche nach einer Heimat

Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen begann vor 600 Jahren. Ausgestattet mit dem Freibrief des damaligen Königs Andreas II, besiedelten die Sachsen damals Neuland in den rumänischen Karpaten. Da auch Ungarn Bürger in das schwach besiedelte Gebiet schickte, gab es in den neuen Dörfern und Städten große Unterschiede. Trotz der Sprachbarrieren fanden die Sachsen in Siebenbürgen eine neue Heimat und pflegten ihre Traditionen. Die heutigen Rumänen kamen erst als Gastarbeiter in die Karpaten, bevor auch sie sich dort niederließen.

Mit dem Diktator Nicolae im Jahr 1965 gab es für 24 Jahre eine Terrorherrschaft im Land. Minderheiten wurden unterdrückt, und für die Siebenbürger Sachsen begann eine erneute Suche nach einer Heimat. Viele kehrten nach Deutschland zurück. Unterstützt wurden sie durch deutsche Politiker. Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher förderten damals die Einreise der ehemaligen Deutschen. Eva Roth von der Kreisgruppe Kirchheim-Nürtingen erinnert sich noch ganz genau: „Es gab unter den Siebenbürger Sachsen einen großen Zusammenhalt. Die Jüngeren haben sich schneller in Deutschland integriert.“

Jeder Ort in Siebenbürgen hat seine eigene Tracht. „Vor allem zum Kirchenbesuch oder bei Festen legte man das bestickte Gewand an“, weiß Getrud Nemenz von der Kreisgruppe. Früher wurden die Trachten in den Familien selbst hergestellt, später gab es dann für die Stickereien Spezialisten, die diese Arbeit übernahmen. Die Muster der Trachten finden sich auf Tellerrändern und in Ungarn sogar auf bemalten Ostereiern wieder. Verschiedene Farben der Stoffe weisen auf das jeweilige Alter der Trachtenträgerinnen hin: „Weiß ist für junge Damen, Blau ist den Verheirateten vorbehalten, und die älteren Damen tragen Schwarz“, wie Getrud Nemenz erklärt.

Aus Tradition und mit Stolz

Die Traditionen waren ein wichtiger Bestandteil im Siebenbürger Familienleben, obwohl sie verboten waren. Doch Jugendliche setzten sich über das Verbot hinweg. „Für sie war es selbstverständlich, in Tracht zur Konfirmation zu gehen“, erinnert sich Nemenz. Vor allem in den Schulen waren Trachten verpönt. „Aber es gab viele Lehrer, die mit der Tradition lebten. Oft sind wir an Schulen als Volkstanzgruppe aufgetreten, um nicht aufzufallen.“ Auch heute noch tragen die Siebenbürger Sachsen ihre Trachten - aus Tradition und mit Stolz.

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