Zwischen Neckar und Alb

„Jeden Tag ist etwas Schlimmes passiert“

Wanderausstellung Menschen erzählen ihre Migrations-Geschichte. Heute: Yousef Akbari aus Afghanistan.

Yousef Akbari lernte mithilfe eines älteren Herrn in der Kirchheimer Stadtbücherei Deutsch.Foto: Natalia Zumarán
Yousef Akbari lernte mithilfe eines älteren Herrn in der Kirchheimer Stadtbücherei Deutsch. Foto: Natalia Zumarán

Ebersbach. „Dieser Krieg, der nie ein Ende hatte“ - er ist der Grund dafür gewesen, dass Yousef Akbari den Entschluss gefasst hat, sein Heimatland Afghanistan, seine Eltern und seinen Bruder zu verlassen. Gerade einmal 16 Jahre war er damals alt. „Ich hatte das Gefühl, dass ich dort nicht leben kann. Jeden Tag ist etwas Schlimmes passiert“, sagt der 25-Jährige, der in einem Dorf in ländlicher Gegend, in der Provinz Helmand aufgewachsen ist. Dass Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt wurde, kann er nicht verstehen. Und fragt sich: „Warum hat Deutschland dann keine Botschaft in Kabul?“ Flugzeuge, die Bomben abwerfen, Häuser, die explodieren. „Stellen Sie sich vor, ein Bus wird auf dem Weg von Bissingen nach Kirchheim von Taliban-Kämpfern gekidnappt und alle Fahrgäste werden umgebracht“, sagt Yousef Akbari. Eine fast unvorstellbare Szene, die in Afghanistan fast alltäglich ist.

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Im Jahr 2009 ist Yousef Akbari daher zunächst in den Iran geflohen. Das Nachbarland sei neben Pakistan die erste Anlaufstelle für Afghanen, erzählt er. Millionen seiner Landsleute haben dort Zuflucht gesucht und schlagen sich als Illegale mehr schlecht als recht durchs Leben.

Auch Yousef Akbari hat auf diese Weise zwei Jahre in Teheran verbracht und in der Schusterwerkstatt eines Landsmanns gearbeitet, der zur großen Gruppe der illegalen Einwanderer gehörte. „Im Iran war es fast schlimmer als in Afghanistan“, erzählt Yousef Akbari: „Man hat dort keine Rechte und keine Menschenwürde. Ich hatte immer Angst, dass die Polizei mich schnappt.“ Deshalb entschied er sich, weiterzuziehen. Sein Traumland: Schweden. „Ich hatte gehört, dass die Schweden Bescheid wissen über die Lage in Afghanistan und dass sie Geflüchtete akzeptieren.“

Er suchte einen Schleuser, der ihm im Jahr 2011 den Weg in die Türkei, nach Istanbul, zeigte. Von dort aus ging es weiter in Richtung Griechenland. „Wir mussten fast alles zu Fuß laufen, zwei Tage und zwei Nächte“, erinnert sich Yousef Akbari. In Athen blieb er zwei Monate, suchte eine Möglichkeit, weiterzukommen in den Norden. Ein Lastwagen-Fahrer versteckte ihn zusammen mit drei afghanischen Bekannten auf der Ladefläche seines Fahrzeugs und transportierte sie nach Italien. Irgendwo im Nichts ließ der Schlepper die vier völlig erschöpften Jugendlichen auf einem Feld zurück. Ausgehungert, durstig und unendlich müde sei er gewesen, erzählt Yousef Akbari: „Ich bin bewusstlos geworden.“

Die jungen Männer schleppten sich weiter, gelangten irgendwie nach Rom und machten sich mit dem Zug in Richtung Schweden auf. „In Ravensburg am Bahnhof hat uns die Polizei erwischt und in ein Heim geschickt“, erzählt Yousef Akbari, dessen Ziel auf einen Schlag in weite Ferne gerückt war. Er war deprimiert, denn ein Landsmann hatte ihm wenig Positives über Deutschland erzählt. Angekommen in Kirchheim, lebte Yousef Akbari zunächst in der Unterkunft Charlottenstraße. Er hatte keinen Anspruch auf einen Sprachkurs. Er hat trotzdem Deutsch gelernt. „Ich habe in der Bücherei einen älteren Mann gefunden, der mir geholfen hat.“ Nach etwa einem Jahr konnte Yousef Akbari endlich eine Vorbereitungsklasse besuchen. Er machte den Hauptschulabschluss, dann eine Ausbildung als Heizungs- und Sanitärfachmann in einem Betrieb. Dort arbeitet er, dessen Asylantrag 2013 positiv beschieden wurde, bis heute.

Mit seiner Frau, die ebenfalls aus Afghanistan stammt, lebt er heute in Ebersbach. „Deutschland ist besser als Schweden“, sagt Yousef Akbari, der fließend Deutsch mit leicht schwäbischer Färbung spricht. So richtig zu Hause fühlt er sich allerdings noch nicht, denn seine Familie fehlt ihm: „Aber es ist jetzt schon viel besser als am Anfang.“pm

Dieses Porträt ist Bestandteil der Wanderausstellung „Angekommen“, die bis zum 23. November im Kirchheimer Rathausfoyer zu sehen ist. Dargestellt werden Schicksale von Menschen, die ihre Geschichten von Flucht und Ankommen erzählt haben.