Zwischen Neckar und Alb

„Jeder Tag fühlt sich wie ein Wunder an“

Pandemie Ende März ist der Esslinger Necati Hacibekiroglu an Covid-19 erkrankt. Der 68-Jährige leidet bis heute schwer unter den Folgen der Infektion. Von Alexander Maier

Jeder Schritt bedeutet für Necati Hacibekiroglu einen Kraftakt. Deshalb ist er für die Unterstützung seines Physiotherapeuten (rechts) dankbar. Foto: pr

Murat Balak ist es als Unternehmensberater gewohnt, die Dinge nüchtern zu betrachten. Doch die vergangenen Monate haben sein Weltbild relativiert. Das Schicksal hatte Ende März zugeschlagen, als sein Vater Necati Hacibekiroglu schwer erkrankte. „Anfangs glaubten wir an eine schlimme Grippe“, erinnert sich Balak. Als die Beschwerden immer schlimmer wurden, musste der Vater ins Esslinger Klinikum gebracht werden. Wenig später die niederschmetternde Diagnose: Covid 19 - mit dramatischem Verlauf. Wochenlang musste der 68-Jährige auf der Intensivstation behandelt werden. „Mehr als einmal schien die Lage hoffnungslos“, erinnert sich sein Sohn. Zuversicht gaben ihm Ärzte und Pflegepersonal im Esslinger Klinikum: „Sie haben einen unglaublichen Job gemacht. Für mich sind das Heilige.“

Necati Hacibekiroglu kann sich an die schlimmsten Stunden seines Lebens nicht erinnern, und das ist vielleicht auch gut so. Sieben Wochen lang lag er im Wachkoma, noch heute leidet er an den Spätfolgen der Covid-Erkrankung. „Jede Bewegung kostet unglaublich viel Kraft. Man muss sich immer wieder überwinden. Ich hätte nie gedacht, dass es mich so erwischen könnte“, berichtet er. Wenn er sich nun erzählen lässt, was mit ihm passiert ist, solange er bewusstlos auf der Intensivstation lag, kann er nur staunen: „Da fühlt sich jeder Tag wie ein Wunder an.“

Beruflich hat Murat Balak China stets im Blick. Deshalb schrillten bei ihm schon früh die Alarmglocken, als sich die Nachrichten über rätselhafte Viruserkrankungen in Ostasien häuften. Balak hatte frühzeitig Atemmasken und Desinfektionsmittel besorgt und die Familie zu besonderer Vorsicht gemahnt. Dennoch wurden seine Eltern, seine Schwester und die beiden Neffen positiv auf Corona getestet. Während die Infektion bei den anderen glimpflich abging, hätte das Virus Necati Hacibekiroglu fast das Leben gekostet. „Wir können uns nicht erklären, wo sich mein Vater infiziert hat“, sagt Balak. Heimtückisch hatte sich die Krankheit im Körper des 68-Jährigen ausgebreitet. „Die acht Wochen, die mein Vater auf der Intensivstation verbringen musste, waren die schrecklichste Zeit meines Lebens“, erinnert sich Balak. „Es war eine ständige Achterbahn zwischen Hoffen und Bangen. Jedes Mal, wenn das Telefon geklingelt hat, mussten wir das Schlimmste befürchten.“

Mut hat der Familie gemacht, dass sie von Ärzten und Pflegepersonal immer über den Zustand des Patienten informiert wurden. „Als Angehöriger ist man so schrecklich hilflos, wenn man um das Leben des eigenen Vaters bangen muss und ihn dann nicht einmal auf der Isolierstation besuchen kann“, sagt Murat Balak.

Necati Hacibekiroglu hat von alledem nichts mitbekommen. Er spürt die bleierne Schwere, die noch immer auf seinem Körper lastet. Er kann die Schmerzen nur mit Hilfe starker Medikamente ertragen. Und er kann sich nie sicher sein, dass nicht irgendwann auch wieder ein Rückschlag kommt. Murat Balak gibt zu, dass er anfangs überlegt hat, ob sein Vater in einem der ganz großen Krankenhäuser besser aufgehoben wäre. „Jetzt bin ich froh, dass wir uns für Esslingen entschieden haben“, sagt er. „Was mein Vater dort an medizinischer Betreuung und Pflege erfahren hat, wird man so rasch nicht wieder finden. Ich könnte mir keine bessere Versorgung vorstellen.“ Sein Urteil ist fachlich untermauert - der Unternehmensberater arbeitet auch für Kliniken und Firmen der Medizin-Branche. „Als ich einer befreundeten Ärztin erzählt habe, dass man meinen Vater an ein Ecmo-Gerät anschließen möchte, habe ich erfahren, dass es das im Esslinger Klinikum gar nicht gibt und dass solche Apparaturen kaum zu bekommen sind“, erinnert sich Balak. „Da war ich verzweifelt.“ In seiner Not rief er den Leitenden Oberarzt an - um zu erfahren, dass das versprochene Ecmo-Gerät soeben auf der Station eingetroffen sei. Oder jener Moment, als die Lunge seines Vaters versagte, weil ein so genannter Blutkoagel die Gefäße verstopfte: „Andere hätten meinen Vater aufgegeben, in Esslingen hat man ihn drei Stunden lang operiert und gerettet.“

Auf Necati Hacibekiroglu wartet noch steiniger Weg zurück in das, was er noch vor wenigen Wochen als Normalität kannte. „Ich lasse mich nicht unterkriegen - das bin ich meiner Familie schuldig“, sagt er.

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