Zwischen Neckar und Alb

Junger Vorstand trifft auf alte Probleme

Schule Der neue GEW-Kreisvorsitzende David Warneck und sein Team pochen auf strukturelle Verbesserungen in der Unterrichtsversorgung. Der Engpass war nach Ansicht der Gewerkschaft absehbar. Von Claudia Bitzer

Sie wollen nicht nur die Interessen ihrer Kollegen, sondern auch eine Pädagogik im Sinne der Schüler vertreten (von links): Davi
Sie wollen nicht nur die Interessen ihrer Kollegen, sondern auch eine Pädagogik im Sinne der Schüler vertreten (von links): David Warneck mit Katja von Komorowski und Dominik Steiner. Foto: Roberto Bulgrin

Kaum hat das neue Schuljahr begonnen, ist der neue GEW-Kreisvorsitzende David Warneck zu einem begehrten Gesprächspartner geworden. Auf den Anlass - die einmal mehr äußerst angespannte Unterrichtsversorgung - hätten der Nachfolger des langjährigen GEW-Kreischefs Hans Dörr und seine Stellvertreter Katja von Komorowski und Dominik Steiner sicher gerne verzichtet. Doch bereits im vergangenen Schuljahr hatte es sich abgezeichnet, dass die Lage im Herbst eher noch dramatischer werden würde.

Dass dem so ist, ärgert die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, eben kurz GEW, umso mehr. Mehr als 2 000 Mitglieder vertritt sie im Kreis Esslingen. Mitarbeitende in den Kitas ebenso wie an den Hochschulen. Und vor allem eben die Lehrerinnen und Lehrer. „Der Engpass an den Schulen war schon länger absehbar“, kritisiert Warneck. Der 31-Jährige unterrichtet an der Plochinger Burgschule, einer der letzten noch verbliebenen Werkrealschulen im Kreis. Was die Ministerin zusammengeschnürt habe, sei ein Notfallpaket. Doch langfristig brauche es mehr als zurückgeholte Pensionäre, zu mehr Stunden gedrängte Teilzeitkräfte oder in Grundschulen verschobene ausgebildete Gymnasiallehrer. Warneck: „Wir brauchen mehr Kapazitäten in der Lehramtsausbildung. Vor allem für die Grundschulen und die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren.“ Um in Krankheitsfällen, bei Schwangerschaften oder Elternzeiten nicht gleich wieder im negativen Saldo zu stehen, ginge es nicht ohne eine Lehrerversorgung von 108 Prozent. Zumal mit Wirtschaft und Informatik neue Fächer und mit der Inklusion und der Ganztagsschule neue Herausforderungen auf die Kollegien zukämen.

Die Unterrichtsversorgung ist nicht nur ein Thema von Grund-, Sonder- und beruflichen Schulen. Man wolle die Realschulen stärken, schaffe aber bestenfalls den Status quo von gestern. „Das hilft uns nichts für morgen“, so Dominik Steiner, der es allein im vergangenen Schuljahr vertretungsbedingt auf sieben oder acht Stundenpläne brachte.

Auch an den Gymnasien ist Not am Mann oder an der Frau. „Ohne Pensionäre würde in den Naturwissenschaften gar nichts laufen“, berichtet Katja von Komorowski. Aber selbst in philologischen Fächern, die gemeinhin als gut versorgt gelten, hat sie es schon erlebt, dass frei werdende Stellen nur mit befristeten Verträgen aufgefangen werden. Die regelmäßige Entlassung der nur auf Zeit eingestellten Lehrer in den Ferien ist ein weiteres Dauerthema für die Gewerkschaft. Dazu gehört auch die Inklusion an den allgemeinbildenden Schulen. Die ist für die GEW nur im Zweier-Team mit einem Sonderpädagogen zu machen. Dass sich Werkrealschullehrer innerhalb eines Jahres dafür qualifizieren können, bewerten sie als „verlässliche Perspektive“ für die Kollegen einer aussterbenden Schulart.

Was aus ihrer Sicht auch gar nicht geht, ist die schlechte Besoldung der Grundschullehrer. Warneck: „Es ist die Schulart mit dem kürzesten Studium, den höchsten Deputaten und der niedrigsten Besoldung. Und damit eine abgehängte Schulart. Sie muss auch für Schulleiter attraktiver werden.“

Hufbeschlag im Galopp

Die Realschulen, die nunmehr auch den Hauptschulabschluss anbieten, sieht Dominik Steiner in einer ähnlich schwierigen Personalsituation. Die Schulart stehe komplett im Umbruch, so sei die Situation damit vergleichbar, „einem Pferd im Galopp die Hufe zu beschlagen“. Die GEW stehe zu der Realschule, allerdings fordere sie, mit der Differenzierung bereits in Klasse fünf und nicht erst in Klasse sieben zu beginnen.

Im Hinblick auf die Gemeinschaftsschule dürfe es keine Neiddiskussionen geben, warnt David Warneck. Sie habe ein eigenes pädagogisches Konzept und ihre Ausstattung entspräche ihren Herausforderungen. „Die junge Schulart braucht jetzt Ruhe.“

In den Gymnasien geht es der GEW darum, die Umstrukturierung der Kursstufe zu begleiten. Hier ist es Katja von Komorowski wichtig, den Schülern künftig „eine größere Wahlmöglichkeit bei Erhalt der Grundniveaus bieten zu können“.

Der neue GEW-Kreisvorstand

David Warneck: Der neue GEW-Kreisvorsitzende ist Lehrer an der Plochinger Burgschule, einer Werkrealschule. Der 31-Jährige ist in Neuhausen geboren, hat in Freiburg Kunst, Deutsch und Englisch studiert und ist seit sechs Jahren im Schuldienst.

Katja von Komorows­ki: Die stellvertretende GEW-Kreisvorsitzende unterrichtet am Nellinger Otto-Hahn-Gymnasium. Die 43-Jährige ist in Nordhessen geboren, hat in Freiburg Deutsch, Geschichte und Skandinavistik studiert und ist seit 2002 im Schuldienst.

Dominik Steiner: Der stellvertretende GEW-Kreisvorsitzende ist Lehrer an der Immanuel-Kant-Realschule in Leinfelden. Der gebürtige Göppinger hat Deutsch, Politik und Geschichte studiert, ist 32 Jahre alt und seit sechs Jahren im Schuldienst.cb

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