Zwischen Neckar und Alb

Kampf für Gerechtigkeit und Toleranz

Jubiläum Seit 100 Jahren setzt sich die Arbeiterwohlfahrt (AWO) für eine solidarische Gesellschaft ein. Beim Festakt in Plochingen spricht die ehemalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin. Von Claudia Bitzer

Sie stehen für die AWO von heute: Mitarbeiter vor dem Büro des Kreisverbands in der Berkheimer Limburgstraße.Foto: AWO-Kreisverb
Sie stehen für die AWO von heute: Mitarbeiter vor dem Büro des Kreisverbands in der Berkheimer Limburgstraße. Foto: AWO-Kreisverband Esslingen

Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit: Diesen Grundwerten sieht sich die Arbeiterwohlfahrt (AWO) seit 100 Jahren verpflichtet. 1919 wurde sie von Marie Juchacz als „Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD“ ins Leben gerufen. Im Kreis Esslingen ist die „Selbsthilfe der Arbeitnehmerschaft“, wie Reichspräsident Friedrich Ebert ihr Motto einst beschrieb, etwas jünger. „Wie in vielen anderen Gemeinden Württembergs wurde sie etwas zeitversetzt, in Esslingen 1923, gegründet“, so Carsten Krinn, der aktuelle Geschäftsführer des AWO-Kreisverbands. Andere Ortsvereine in der Region seien dann nach dem Nationalsozialismus in den 1940er-Jahren oder später gefolgt. Das hindert den Kreisverband aber nicht daran, am Freitag, 25. Oktober, in der Plochinger Stadthalle um 18.30 Uhr den 100. Geburtstag zu feiern. Gezeigt wird die Wanderausstellung: „Unsere Zeichen und Stimmen gegen Rassismus.“ Es spricht die ehemalige Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin.

Zunächst war es der AWO darum gegangen, die Not nach dem Ersten Weltkrieg zu lindern: mit Nähstuben, Suppenküchen, aber auch Waldheimen für die Kindererholung. Im Laufe der Jahrzehnte entwickelte sie sich zu einer Hilfsorganisation für alle sozial bedürftigen Menschen. Neben dem ehrenamtlichen Engagement ihrer Mitglieder wurde sie zu einem großen Arbeitgeber. Die AWO gehört zu den sechs Spitzenverbänden der freien Wohlfahrtspflege. Sie betreut Menschen mit Behinderungen und Senioren, betreibt Kindergärten, Kliniken, Freizeiteinrichtungen und Beratungsstellen. Es war kein Zufall, dass die Arbeiterwohlfahrt in dem Jahr aus der Taufe gehoben wurde, in dem die Frauen in Deutschland ihr demokratisches Stimmrecht erhielten, betont Krinn. Die Berlinerin Marie Juchacz zählte im Januar 1919 zu jenen ersten Frauen, die in die Verfassungsgebende Versammlung der Weimarer Republik gewählt wurden. Krinn: „Diese streitbare Person wurde zur ersten Verbandsvorsitzenden der AWO gewählt. Ihr und den anderen Aktiven ging es um eine solidarische Gestaltung der Gesellschaft, die auf gegenseitiger Hilfe beruhen sollte.“

Dabei stand die AWO von Anfang an auch für ein politisches Programm. Man habe nicht mehr von der Barmherzigkeitswohlfahrt von Kaiser und Kirche abhängig sein wollen, so Krinn. Diese Haltung hat die AWO in aller Konsequenz weiter verfolgt. Als die Nazis an die Macht kamen, hatte sich die AWO 1933 durch Selbstauflösung einer Vereinnahmung durch die Nazis entzogen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete sich die AWO in West-Deutschland neu - als parteipolitisch und konfessionell unabhängige Hilfsorganisation und Wohlfahrtsverband. 1985 übernahm der Kreisverband die Betreuung von Asylbewerbern in staatlichen Sammelunterkünften in Esslingen, 1999 wurde mit dem Landkreis eine Vereinbarung zur Betreuung der Asylbewerber in allen Gemeinschaftsunterkünften des Kreises geschlossen. Seither ist die AWO in erster Linie in der Flüchtlingsarbeit aktiv. „Das war nicht immer einfach, denn 2008 gingen die Asylbewerberzahlen so drastisch zurück, dass es nur noch zwei Heime im Landkreis in Kirchheim in der Charlottenstraße und in Esslingen gab, für die gerade einmal drei Mitarbeiterinnen in Teilzeit ausreichten. Ende 2016 hatte die AWO im Kreis Esslingen über 75 Mitarbeiter. Krinn: „In vielen Orten des Landkreises und an vielen Stellen wurde, gemeinsam mit kommunalen Einrichtungen und zahlreichen Ehrenamtlichen, ein Integrationsprozess auf den Weg gebracht, der noch nicht abgeschlossen ist.“ 100 Jahre nach ihrer Gründung hat sich die AWO zunehmend professionalisiert. Der Verband hat 330 000 Mitglieder und über 200 000 Beschäftigte.

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