Zwischen Neckar und Alb

Kampf um die Oberstufe

Schularten Die Stadt Esslingen will die gymnasiale Oberstufe an der Gemeinschaftsschule einrichten. Landrat Heinz Eininger hält das für überflüssig und verweist auf die beruflichen Gymnasien. Von Roland Kurz

Die Kennedy-Schule hat ein Wirtschaftsgymnasium, die Ebert-Schule ein Technisches und die Kollwitz-Schule ein Ernährungswissensc
Die Kennedy-Schule hat ein Wirtschaftsgymnasium, die Ebert-Schule ein Technisches und die Kollwitz-Schule ein Ernährungswissenschaftliches und Biotechnologisches Gymnasium. Foto: Andreas Kaier

Esslingen braucht keine gymnasiale Oberstufe an der Gemeinschaftsschule, weil für diese Schülerklientel in Esslingen-Zell drei berufliche Gymnasien zur Verfügung stehen. So sah es Landrat Heinz Eininger im Kultur- und Schulausschuss des Kreistags. Ob die Ablehnung so in der offiziellen Stellungnahme zum regionalen Schulentwicklungsprozess stehen wird, ist nach der kontroversen Debatte im Ausschuss unklar. Die Folgen für die beruflichen Gymnasien könnten „bis zur Aufgabe einer Schulart reichen“, fürchtet Eininger. Nach Rechnung der Kreisverwaltung könnten die Gymnasien an der John-F.-Kennedy-, der Friedrich-Ebert- und der Käthe-Kollwitz-Schule 60 Schüler pro Jahrgang an die Gemeinschaftsschule verlieren.

Nach einem Berechnungsmodell der Universität Tübingen würden zwei Drittel der Gemeinschaftsschüler nicht aufs berufliche Gymnasium wechseln. Das entspräche sechs Klassen am Standort Zell. Die beruflichen Gymnasien dort würden 22 Prozent ihrer Schüler verlieren. Vor diesem Hintergrund habe man der Stadtverwaltung mehrfach gesagt, dass man das Vorhaben „unter keinen Umständen akzeptieren“ könne, sagte Landrat Eininger.

Die beruflichen Gymnasien hätten genügend Kapazität, um alle Abgänger der Sekundärstufe  I der Gemeinschaftsschulen und der Realschulen aufzunehmen. Sie zeichneten sich dadurch aus, „den unterschiedlichen Bedürfnissen der heterogenen Schülerschaft in besonderem Maße Rechnung zu tragen“. Eine Sekundarstufe II an der Gemeinschaftsschule würde zu erheblichen Nachteilen für die beruflichen Gymnasien führen.

Die Stadt will dagegen das pädagogische Konzept der neuen Schulart mit ihren Niveaustufen konsequent fortsetzen. Sie plant deshalb, für ihre beiden Gemeinschaftsschulen eine gymnasiale Oberstufe am Standort Innenstadt einzuführen. Die Oberstufe, so begründet Schulamtsleiter Bernd Berroth das Vorhaben, werde von den Eltern gefordert und sie verhindere, dass die Gemeinschaftsschule das gleiche Schicksal erleide wie die Hauptschule.

Im Kreistags-Ausschuss teilten SPD, Grüne und Linke diese Meinung. „Es ist nicht unsere Aufgabe, den Eltern und Schülern diese Möglichkeit wegzunehmen“, sagte Walter Bauer (SPD). Er betonte ebenso wie Gabriele Probst (Grüne) und Wolfgang Schreiner (Linke), dass die SPD voll hinter den beruflichen Schulen stünde. Dank ihrer guten Arbeit würden sie sich auch weiterhin gut entwickeln. Martin Klein (Freie Wähler) warnte dagegen, ein Parallelsystem aufzubauen: „Staatspolitisch gesehen ist das Unsinn.“

Thomas Fischle, Sprecher der beruflichen Schulen im Landkreis, betrachtet die Versorgung mit Lehrern mit großer Sorge. Schon jetzt seien kaum Mathelehrer zu bekommen, und die Gemeinschaftsschulen bedienten sich dann aus dem gleichen Kontingent: „Wir kämpfen um jeden Kopf.“ Im Übrigen glaube er nicht, dass die Esslinger Gemeinschaftsschule genügend Schüler hervorbringen wird, um ihren gymnasialen Zug zu füllen. Da müssten noch Realschüler umgelenkt werden. „Warum baut man hier Konkurrenz auf, anstatt zu kooperieren?“ Seine Schule werde an der Gemeinschaftsschule nicht mal mehr zur Info-Veranstaltung eingeladen wie früher von der Realschule am Schillerpark.

Dieser Interessenskonflikt zwischen den Schulträgern spielt sich nicht nur in Esslingen ab. Auch in Konstanz und Tübingen wurde darüber gestritten. Der Esslinger Zwist wird zunächst auf dem regionalen Schulentwicklungsprozess verhandelt. Wird dort keine Einigung erzielt, landet der Fall bei der Schiedsstelle des Kultusministeriums. Diese prüft, ob die Kriterien erfüllt sind. In Tübingen und Konstanz hat das Ministerium pro Gemeinschaftsschule entschieden.

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