Zwischen Neckar und Alb

Kann ein Pferd bis drei zählen?

Pferdewissenschaftler an der FH Nürtingen

Was brachte Wissenschaftler aus halb Europa, aus Israel, dem Iran und den USA nach Nürtingen? Das Pferd. Zwei Tage lang gab dieses genügend Stoff für durchweg englischsprachige Fachvorträge und Diskussionen. Es standen auch Exkursionen auf dem Plan, das Haupt- und Landgestüt Marbach lockte.

Nürtingen. Die rund 70 versammelten Wissenschaftler haben sich der Grundlagenforschung am Pferd verschrieben. Muss diese strohtrocken sein? Von wegen. Dafür sorgte so manche Videoeinspielung. Etwa die vom Pferd, das mit seinem Hinterteil mehrmals kräftig gegen einen Baum stieß, um anschließend die heruntergefallenen Äpfel zu verspeisen. Das Video gehörte zum Vortrag von Professorin Konstanze Krüger, die über „soziales Lernen und innovatives Verhalten von Pferden“ sprach. In einem Experiment wurde Pferden gezeigt, dass sich mit dem Druck auf den Lichtschalter eine Futterkiste öffnen lässt. Acht von zwölf Pferden bekamen die Kiste hinterher selbst auf. Von zwölf anderen Pferden, die auf die Vorführung verzichten mussten, waren dagegen nur zwei erfolgreich. Wie bei den Menschen lernen auch Pferde verschieden. Manche schauen lieber zu, andere haben eigene Ideen. Ein Pferd fand heraus, dass es mit einem Stock unter einer Stallwand Futter herauskratzen kann, ein anderes kratze sich so an sonst unzugänglichen Stellen. „Wir haben von Pferdebesitzern 280 Berichte interessanten Verhaltens gesammelt“, sagt Krüger. Darunter fanden sich acht Beispiele von Werkzeuggebrauch. „Das haben wir nicht erwartet.“

Vor drei Jahren kam Krüger aus Regensburg nach Nürtingen. Die Internationale Tagung für Pferdewissenschaftler hat sie bereits zweimal organisiert. In der Vorbereitung stecken rund 150 Stunden Arbeit – von ihr, ihrem Mann und Mitarbeitern der Hochschule. 50 Studenten der Pferdewirtschaft nimmt die Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen pro Semester auf, das letzte Mal gab es 326 Bewerbungen.

„Die Pferde sind ziemlich clever“, sagte Krüger. Noch so ein Video, das daran keinen Zweifel lässt: Ein Pferd öffnet mit dem Maul einen Elektrozaun, ohne einen Schlag zu bekommen. Ein anderes nimmt den Kamm ins Maul und streichelt damit das Fohlen. Ein anderes Pferd wirft alle Decken von der Tür zur Pferdebox hi­nunter und schiebt den Riegel auf.

Kommunizieren Pferde mit Menschen, um für eine Aufgabe ihre Hilfe zu erhalten? Für die italienischen Wissenschaftler, die das untersucht haben, ist das eindeutig. Im Video gibt ein Pferd einer Pflegerin zu verstehen, sie solle eine Absperrung zum Futter aufmachen. „Die Signale sind feiner, als man denkt“, sagte Krüger. „Der Mensch muss genauer hinsehen.“

Bei der Tagung ging es den Wissenschaftlern nicht nur um Ergebnisse, sondern auch um den Weg dorthin. Wie sind die Methoden, die Versuchsaufbauten der anderen? Die Atmosphäre war offen. Sara Hintze von der Universität Bern sagte, dass es noch keinen eindeutigen Befund gebe, wie viel die Augenfalten eines Pferdes über dessen gefühlsmäßigen Zustand verraten.

Kann sich ein Pferd im Spiegel erkennen, wie es bei Schimpansen, Delfinen und Elefanten beobachtet wurde? Das haben Wissenschaftler von der Universität Pisa untersucht. Sie stellten mehrere Phasen fest: Das Pferd inspiziert den Spiegel, schaut dahinter, testet ihn. Dann bekommen die Pferde ein buntes Kreuz auf die Backe, das sie nur im Spiegel sehen können. Würden sie daraufhin ihren Kopf öfters am Bein reiben als andere Pferde? Sie taten es. Kann ein Pferd bis drei zählen? Mindestens. Bei einem Test konnte ein Pferd auf dem Bildschirm sogar zwischen einem Symbol mit vier und fünf Elementen unterscheiden.

Das Pferd brachte die Wissenschaftler nicht ganz allein nach Nürtingen. Manche haben ihren Hintergrund weniger in der Reiterei als in der Biologie. So hatten auch pferdeartige Tiere wie der Wildesel und das Zebra ihren Platz im Hörsaal.

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