Zwischen Neckar und Alb

Kein Ständchen zum Richtfest

Neubau Der Landesblasmusikverband hat auf die Feier zum fertigen Rohbau seines Musikzentrums in Plochingen verzichtet und ist froh, dass es erst 2021 in Betrieb geht. Von Claudia Bitzer

Musikzentrum mit Bahnanschluss: Blick auf den Innenhof und dahinter das Bettenhaus, in dem Gäste übernachten können. Fotos: R. B
Musikzentrum mit Bahnanschluss: Blick auf den Innenhof und dahinter das Bettenhaus, in dem Gäste übernachten können. Fotos: R. Bulgrin

Eigentlich wollte der Blasmusikverband Baden-Württemberg Ende März das Richtfest für sein neues Musikzentrum Baden-Württemberg feiern. Das Ende der Rohbauarbeiten wäre mindestens einen Tusch wert gewesen. Immerhin verbaut der Verband mit einem 10,8 Millionen schweren Zuschuss des Landes insgesamt 22,4 Millionen Euro in der Plochinger Eisenbahnstraße. Doch es hat kein Ständchen für den fertigen Rohbau gegeben. Auch das Defilee der Bürgerschaft ist ausgefallen, die sich den zweiteiligen Komplex mit Proben-, Seminar- und Büroräumen auf der einen und einem Bettenhaus samt gastronomischer Versorgung auf der anderen Seite sicher gerne angeschaut hätte. Doch Corona hat auch den Tag der offenen Tür verhindert.

Dennoch ist Harald Eßig, Geschäftsführer des Landesverbands, froh darüber, dass die neue landesweite Aus- und Weiterbildungsstätte für alle ehrenamtlichen Musikvereine und Chöre erst nach den Sommerferien 2021 in Betrieb geht. Zugleich ist er dankbar, „dass die Firmen hier noch arbeiten“, wie er betont. „Aber auch auf unserer Baustelle gelten die Corona-Regeln und werden überwacht.“ Derzeit sind etwa 20 Arbeiter zugange, doch wenn es jetzt an den Innenausbau geht, werden es voraussichtlich noch mehr werden.

Verband musste Personal abbauen

Da ist es gut, dass sich die Baustelle über 4000 Quadratmeter, zwei Häuser und einen großen Innenhof mit bogenförmigem Eingang dazwischen erstreckt. Im Februar 2019 war Baubeginn, nach den Sommerferien 2021 soll der Betrieb losgehen. Der Beton wird noch verklinkert. Der Neubau nach den Plänen des Stuttgarter Büros „Lederer Ragnarsdóttir Oei“ zieht sich jedenfalls mittlerweile in seiner ganzen Kontur entlang der Eisenbahnstraße, zum Bahnhof sind es nur wenige Gehminuten.

Harald Eßig vom Landesblasmusikverband vor der Hausfront zur Plochinger Bahnhofstraße.
Harald Eßig vom Landesblasmusikverband vor der Hausfront zur Plochinger Bahnhofstraße.

Das war auch der Grund, warum sich der Blasmusikverband Baden-Württemberg für Plochingen entschieden hatte - Ralf Krasselt, Stadtrat in Plochingen und geschäftsführender Präsident des Blasmusikverbands Esslingen, hatte das ehemalige Bahn- und dann städtische Grundstück gerne vermittelte. Die vormalige Akademie in Kürnbach bei Bretten, die der Verband 40 Jahre lang unterhalten hatte, war ab vom Schuss. Der Betrieb rechnete sich nicht, man hätte investieren müssen - zuletzt, so erzählt Eßig, auch noch eine Million in den Brandschutz. Da war der Beschluss für den Neubau allerdings schon gefallen - zumal man für den Umbau der bisherigen Akademie keine Landeszuschüsse bekommen hätte. Dennoch forcierten die Brandschutzmängel den Verkauf 2016. Schön und unumstritten war das alles nicht, rekapituliert der Geschäftsführer. Vor allem, weil man die alte Akademie nicht bis zur Einweihung der neuen halten konnte und so auch Personal abbauen musste. Seit vier Jahren muss der Landesblasmusikverband auf andere Häuser ausweichen - und ist froh, wenn er wieder ein eigenes anbieten kann.

Vor Bahnlärm schützen

Ohne den Landeszuschuss wäre der Neubau nicht möglich gewesen. Der wurde anfangs jedes Vierteljahr um drei Millionen Euro teurer, erinnert sich Eßig an die Zeitspanne zwischen den ersten Schätzungen, den Anpassungen des Bauvorhabens an die Bedürfnisse der Nutzer und den genaueren Kostenberechnungen. Und so ist er stolz darauf, dass es im zuletzt beschriebenen Kostenrahmen zu bleiben scheint. „Wir liegen derzeit sogar leicht darunter“. Das Land hatte sich zudem bereit erklärt, notfalls auch noch Mehrkosten bis zu einer Million Euro zu übernehmen. Das war alles andere als selbstverständlich, denn es will auch noch mit acht Millionen Euro die geplante Musikakademie des Bundes Deutscher Blasmusikverbände in Staufen fördern.

Die Betriebskosten müssen die Verbände allerdings alleine stemmen. Und so ist es auch von dieser Seite her erfreulich, dass in dem dreigeschossigen Gebäude Richtung Plochinger Bahnhof nicht nur ein 300 Quadratmeter großer Probenraum, ein weiterer größerer Gruppenraum sowie weitere Probe- und Seminarräume entstanden sind. Sondern auch 20 Büros, in denen neben der kompletten Geschäftsstelle des Hausherrn auch noch der Schwäbische Chorverband mitsamt seiner Medienagentur, der Landesmusikverband, der Bläser-Kreisverband Esslingen, der Carl-Pfaff-Chorverband, die Stiftung Singen mit Kindern und der Bundesverband der Blasmusik ein gemeinsames Dach über dem Kopf finden. Eine Herausforderung ist es dabei sicherlich, das neue Haus der Amateurmusik und seine Mieter trotz der Fensterfront vom Bahnlärm der benachbarten Gleise zu schützen.

Markantester Teil des Komplexes ist ein nach oben offener und abgerundeter Innenhof, der das Bettenhaus und das interne Restaurant im westlichen fünfgeschossigen Gebäudeteil mit den Arbeits- und Proberäumen im Osten verbindet. In 50 Zimmern, drei davon barrierefrei, können 100 Hobbymusiker und -musikerinnen ein Bett finden. In der Küche soll ein Caterer den Kochlöffel übernehmen. Jetzt hofft Eßig mit allen anderen Instrumentalisten und Sängern im Land, dass es auch bald wieder etwas zum Musizieren in größerer Runde gibt.

Anzeige