Zwischen Neckar und Alb

„Keine Angst, aber Respekt“

Ein Wolf ist kein Kuscheltier – Junge Exemplare könnten vereinzelt auch im Landkreis vorkommen

Lange war der Wolf in Deutschland ausgerottet, erst nach dem Fall der Mauer kam er aus ­Osteuropa zurück und breitet sich seitdem in Richtung ­Westen aus. Petra Pauli sprach mit Sabine Häring über die mögliche Einwanderung des Wolfs.

Über 100 Jahre lang war der Wolf in Deutschland ausgestorben. Doch das Wildtier ist zurück - und mit ihm die alten Ängste. „Gesu
Über 100 Jahre lang war der Wolf in Deutschland ausgestorben. Doch das Wildtier ist zurück - und mit ihm die alten Ängste. „Gesunde Wölfe, die nicht provoziert oder angefüttert werden, stellen in der Regel keine Gefahr für den Menschen dar“, sagt Wolfsbotschafterin Sabine Häring.Foto: Carsten Riedl

Kreis Esslingen. Die einen jubeln über seine Rückkehr. Gleichzeitig werden aber auch alte Ängste wach. Diplom-Geografin Sabine Häring aus Reichenbach ist eine von bundesweit 500 ehrenamtlichen Wolfsbotschaftern des Naturschutzbunds Deutschland (NABU), die über die Wildtiere aufklären.

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Im vergangenen Jahr sind in Baden-Württemberg zwei tote Wölfe gefunden worden – eine Sensation. Warum ist es wichtig, dass sich der Wolf wieder ansiedelt?

SABINE HÄRING: Der Wolf gehört in unsere Landschaft und fast 150 Jahre nach seiner Ausrottung kehrt er nun wieder zurück. Das ist als großer Erfolg des naturschutzes zu werten. Der Wolf hat als Beutegreifer eine wichtige Funktion im Ökosystem und steht international und ntional unter strengem Schutz.

Gibt es in Deutschland bereits wieder ganze Rudel?

HÄRING: In Deutschland leben wieder mehr als 30 Rudel uns mehrere Paare, die einem Standort treu bleiben. Rudel gibt es in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen. Ein Rudel besteht aus dem Elternpaar und den Jungtieren sowie den Jungen vom Vorjahr, die in einem Alter von etwas 22 Monaten das Rudel verlassen müssen, abwandern und sich ein eigenes Revier und einen Partner suchen.

Könnte ich bald auch im Kreis Esslingen einem Wolf begegnen?

HÄRING: Dass sich ein Rudel im Kreis Esslingen ansiedelt, halte ich derzeit eher für unwahrscheinlich, wenngleich Albvorland und Albtrauf durchaus Lebensräume für den Wolf werden könnten. Auszuschließen ist es nicht, dass ein einzelner Jungwolf auf der Suche nach einem Revier und einem Partner den Landkreis Esslingen durchquert. die beiden 2015 in Baden-Württemberg überfahrenen Wölfe waren ja solche aus den Schweizer Alpen abgewanderte Jungwölfe.

Wie verhalte ich mich richtig?

Für den sehr unwahrscheinlichen Fall, dass Sie einem Wolf begegnen, bleiben Sie ruhig stehen – und genießen Sie den Anblick. Erwachsene Wölfe sind von Natur aus eher vorsichtig und ziehen sich in der REgel zurück, wenn sie die Nähe von Menschen wahrnehmen. Sollten Sie sich unwohl fühlen, treten Sie den Rückzug an, machen Sie durch Rufen und Händeklatschen auf sich aufmerksam und zeigen Sie Selbstbewusstsein. Laufen Sie nicht davon, das könnte einen Verfolgungstrieb auslösen. Und: Gehen Sie keinesfalls einem Wolf hinterher.

In Niedersachsen soll ein Wolf ja bereits in einem Wohngebiet gesichtet worden sein. . .

HÄRING: Da Wolfsreviere etwa 250 Quadratkilometer groß sind, ergibt sich bei der dichten Besiedlung zwangsläufig, dass darin Ortschaften liegen und Wölfe diese auch mal queren. Da sie nachtaktiv sind, geschieht dies in der Regel unbemerkt. Es kam bislang noch nie zu Konflikten oder Aggressionen. Ich möchte in diesem Zusammenhang aber auch noch erwähnen, dass sich bei vielen der vermeintlichen Wolfssichtungen in Ortschaften später herausstellte, dass es sich um einen Hund handelte. Es gibt eine reihe von Hunderassen, die dem Wolf täuschend ähnlich sehen.

Für Bauern und Schäfer ist der Wolf ein alter Feind. Können Sie ihre Herden überhaupt schützen?

HÄRING: Der Wolf weiß nicht, dass er rehe fressen darf, aber keine Schafe. Und wenn es ihm allzu leicht gemacht wird, bedient er sich natürlich auch in Schafherden, die für ihn eine geeignete Beutegröße haben. Das führt verständlicherweise zu Konflikten. Also muss dafür gesorgt werden, dass Schafe und andre Nutztiere nicht zur leichten Beute des Wolfes werden können. In den Bundesländern, in denen bereits Wolfsrudel leben, werden vorsorgende Maßnahmen wie Elektrozäune und der Einsatz von Herdenschutzhunden finanziell gefördert und Nutztierverluste, die trotz der Schutzmaßnahmen eintreten, entschädigt. In einem vom Land geförderten gemeinsamen Projekt von Landschaftszuchtverband und NABU Baden-Württemberg wird übrigens derzeit untersucht, wie hierzulande ein möglichst konfliktarmes Nebeneinander von Wolf und Nutztierhaltung möglich ist.

Und macht der Wolf den Jägern Konkurrenz?

HÄRING: Der Wolf frisst Wild – das ist ja seine ökologische Funktion. Er erbeutet allerdings meist junge, verletzte und kranke Tiere. Damit trifft er eine Auslese, die sogar gut ist, um den Zustand des Wildes zu verbessern. Verglichen mit der Reviergröße wirkt sich jedoch die Anwesenheit von Wölfen nicht spürbar auf den Jagderfolg aus, wie Erfahrungen aus den Bundesländern zeigen, in denen Wölfe seit Längerem leben. Allerdings wird die Anwesenheit des Wolfes gewiss dazu führen, dass Rehe und Hirsche vorsichtiger werden. Das könnte die Arbeit auch für die Jäger schwierig machen.

Wie vertragen sich Hunde und Wölfe?

HÄRING: In Wolfsrevieren sollten Hunde angeleint sein. Solange der Hund nah beim Menschen ist, besteht für den Hund keine Gefahr.

Rotkäppchen und der böse Wolf – Warum hat der Wolf so ein bedrohliches Image?

HÄRING: Dieses Image ist unbegründet. In der Steinzeit waren Mensch und Wolf sogar Jagdgefährten. Damals wurden die Wurzeln für die Entwicklung unseres beliebtesten Haustieres, des Hundes gelegt. Das schlechte Image entwickelte sich im Mittelalter mit zunehmender Nutztierhaltung, und als der Mensch immer mehr Fläche in Anspruch nahm. Unterstützt wird das schlechte Image noch durch die Verwendung als Märchenfigur und Symbolisierung des Bösen. Von Natur aus gibt es weder "gute" noch "böse" Tierarten. Deshalb teilen wir Tiere heute nicht mehr in "nützlich" und "schädlich" ein, sondern gestehen Tieren ein Lebensrecht um ihrer selbst Willen zu.

Ist der Wolf gefährlich für Menschen?

HÄRING: Gesunde Wölfe, die nicht provoziert oder angefüttert werden, stellen für den Menschen in der Regel keine Gefahr dar. In den letzten 16 Jahren – seitdem es Wölfe wieder in Deutschland gibt – hat es nachweislich keine Situation gegeben, bei der sich Wölfe aggressiv gegenüber Menschen verhalten haben. Ganz wichtig ist aber, dass Wölfe niemals gefüttert werden dürfen, da sie dann aktiv die Nähe des Menschen suchen udn auch aufdringlich werden können.

Können Sie verstehen, wenn jemand Angst vor Wölfen hat?

HÄRING: Wir haben 150 Jahre ohne Wölfe gelebt und haben keine Erfahrung mehr im Umgang mit ihnen. Und was ich nicht kenne, macht zunächst Angst, das ist verständlich. Aber ich bin überzeugt, wir können wieder lernen, mit dem Wolf zusammenzuleben. Angst ist nicht nötig, aber wir sollten respekt vor dem Wolf haben, denn er ist ein Wildtier, kein Kuscheltier.

Welche Feinde hat der Wolf und wie muss er geschützt werden?

HÄRING: Eine Gefährung des Wolfes besteht in der Zerschneidung von Lebensräumen. Viele Wölfe kamen im Straßenverkehr ums Leben, immer wieder werden Wölfe illegal abgeschossen. Neben dem Erhalt ausreichender Lebensräume dienen Grünbrücken über Autobahnen der Sicherheit von Wildtieren. Zur Bekämpfung illegaler Abschüsse ist die konsequente Verfolgung dieser Straftaten durch die Justiz erforderlich.

„Keine Angst, aber Respekt“

Sabine Häring.

Streng geschütztes Wildtier

Vortrag: Anlässlich des „Tag des Wolfes“ hält die NABU-Wolfsbotschafterin Sabine Häring am Samstag, 30. April, 16  Uhr, im Umweltzentrum Neckar-Fils in Plochingen, am Bruckenbach 20, einen Vortrag zur Rückkehr des Wolfes. Von 15 bis 18 Uhr wird an einem Wolfsinfostand Informationsmaterial verteilt. Der Eintritt ist frei.

Wölfe im Südwesten: Im vergangenen Herbst fanden Autofahrer ein totes Jungtier auf der Autobahn Stuttgart–München in der Nähe von Merklingen. Im Sommer war ein Wolf auf der A 5 bei Lahr überfahren worden.

Streng geschützt: Nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen, EU-Recht und deutschem Artenschutz stehen Wölfe unter Schutz und dürfen nicht gejagt werden. Dennoch gab es immer wieder illegale Abschüsse in Deutschland, Mehr als 80  Wölfe wurden wahrscheinlich im Verkehr getötet.

Verbreitung: In Europa leben nach Angaben des World Wide Fund for Nature (WWF) derzeit mehr als 10 000 Wölfe – Russland ist dabei aber nicht mitgerechnet. Auf seinen Streifzügen kann ein hungriger Wolf in einer Nacht gut 50 Kilometer in Feld und Flur und im Wald zurücklegen. pp