Zwischen Neckar und Alb

Keine Ruhe am Zizishäuser Berg

Bau Maria Kurt ist langsam mit den Nerven am Ende. Vor 18 Monaten rutschte der Hang neben ihrem Haus ins Tal. Seitdem lebt die Familie in ständiger Angst. Viele fühlen sich von der Stadt im Stich gelassen. Von Barbara Gosson

Von weit her ist der Hangrutsch zu sehen. Die Nachbarn fühlen sich im Stich gelassen. Foto: Jürgen Holzwarth
Von weit her ist der Hangrutsch zu sehen. Die Nachbarn fühlen sich im Stich gelassen. Foto: Jürgen Holzwarth

Bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart heißt es, dass es nichts Neues gibt bei den Ermittlungen wegen Baugefährdung. Erst in der vergangenen Woche fand ein Gespräch zwischen der Stadt, den Fachleuten und dem Bauherrn des Hauses, das den Hangrutsch ausgelöst hat, statt. Der Bauherr hat einen Plan zur dauerhaften Hangsicherung eingereicht. Demnächst werden die Nachbarn darüber informiert, was passiert. Drei Maßnahmen sollen den Hang sichern: eine Dränierung der Schichten oberhalb des Fels, eine Stützmauer unterhalb des Neubaus und eine geschlossene und dauerhafte Begrünung. Damit würde die weithin sichtbare Wunde im Hang nach 18 Monaten endlich geschlossen.

Für die Anwohner jedoch dauert alles schon viel zu lange: „Wir leben in Sorge und Angst“, sagt Anlieger Michael Keller. Seine Nachbarin Maria Kurt schließt sich ihm an. „Wir fühlen uns sehr hilflos. Die Gefahr ist noch nicht vorüber“, sagt sie. Michael Keller ist sich sicher, dass der Hang sich noch bewegt. Keller vermutet, dass Wasser inzwischen die Straße unterspült. Immer bei Starkregen stehe das Wasser sogar auf der Straße, weil es nicht im Hang versickern könne wegen des Schotterbetts und der Folie.

Für Keller ist der Hangrutsch eine angekündigte Katastrophe. Bereits zuvor habe es vier kleinere Hangrutsche gegeben, was der Stadt bekannt gewesen sei. Trotzdem wurde der Bau genehmigt. Maria Kurt sagt, dass es bereits im Februar vor dem Hangrutsch deutliche Anzeichen gegeben habe, von denen die Stadt wusste. Die Natursteinmauer der Kurts habe Tage vor dem Hangrutsch bereits schief gelegen, oft wackelte das Haus, als ob ein schwerer Laster daran vorbeifährt. „Alles unbedenklich“, habe man den Kurts noch einen Tag vor dem Hangrutsch versichert. Keller hat nun eine Fachaufsichtsbeschwerde gegen die Stadt beim Regierungspräsidium eingelegt, außerdem lassen sich die Anwohner anwaltlich beraten.

Gespräche mit dem neuen Nachbarn hätten zu nichts geführt: „Er sagt, er habe kein Geld mehr. Aber fertig bauen kann er. Wir finden, er soll sich zuerst um die Hangsicherung kümmern“, sagen Kurt und Keller. Der Hang sei nie so gesichert worden, wie es dem Bauherren aufgetragen worden sei. „Wir machen hier eine Odyssee durch, weil niemand etwas kontrolliert“, sagt Kurt. Alle Fachantworten habe sie sich erkämpfen müssen. Nicht in Ordnung finden die Nachbarn den Vorschlag, weiter unten auf dem Grundstück ein weiteres Haus zur Stabilisierung des Hanges zu errichten. „Dafür, dass er einen Hangrutsch ausgelöst hat, bekommt er noch ein Baugrundstück geschenkt?“, fragt Keller. Von der Pressestelle der Stadt ist zu erfahren, dass die Lage in einem sechswöchigen Turnus überwacht wird. „Am Hang und zwei Gebäuden befinden sich Messpunkte. Bei den Gebäuden und der an der Panoramastraße angrenzenden Felsformation haben sich bis heute keine Verschiebungen ergeben.“ Im Mai dieses Jahres habe sich im unteren Teil des Hanges das Gelände um 1,50 Meter verschoben und um 70 Zentimeter gesenkt. Der Bereich sei jedoch stabilisiert worden. Bei wenigen Messpunkten an der Rutschfläche gebe es Lageveränderungen von wenigen Zentimetern.

Laut dem Bauherren hat seine Bauherren-Haftpflichtversicherung bereits Ende 2016 gegenüber den geschädigten Nachbarn erklärt, die nachgewiesenen Schäden zu regulieren. Es sei bereits eine sechsstellige Summe an die Geschädigten ausbezahlt worden. Allerdings gebe es noch Ansprüche, die noch nicht vom Versicherer reguliert worden sind. Maria Kurt sagt, sie habe Geld für ihren zerstörten Garten erhalten, weitere Schäden in Höhe von 180 000 Euro seien jedoch noch nicht beglichen. Den Garten können die Kurts immer noch nicht nutzen. „Wir müssten Geld vorstrecken für Gutachten. Das können wir uns nicht leisten“, sagt sie. Die Kurts haben sich auf die Stadt verlassen und hoffen nun, dass Gespräche zu einem guten Ergebnis führen.

Derzeit wird wieder an dem Haus gearbeitet, es soll bis Frühjahr oder Sommer des kommenden Jahres fertig sein. Die Bauarbeiten hatten fast sieben Monate geruht, da der Bauherr ausschließlich mit der Hangsicherung beschäftigt gewesen sei.

Rückblick: Plötzlich rutschte der Hang

Am 8. Juni 2016 geriet der Hang an der Panoramastraße in Zizishausen in Bewegung. Gegen 1.30 Uhr nachts bemerkten Anwohner, dass sich Steine vom Hang lösen. Daraufhin wurden 35 Menschen aus 14 Häusern evakuiert. Die Ursache für den Hangrutsch wird in der unsachgemäßen Hangsicherung eines Neubaus oberhalb der Panoramastraße vermutet. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Baugefährdung laufen noch.

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