Zwischen Neckar und Alb

Kennt keiner, nutzt jeder

Konzern Die japanische Firma Kyocera mit weltweit rund 75 000 Mitarbeitern hat ihren europäischen Sitz in Esslingen.

Esslingen. Wenn einhundert durchschnittliche Autos auf Esslinger Straßen stehen, wie viele davon haben wohl ein Produkt von Kyocera an Bord? Vertriebsmanager Eberhard Schill in Esslingen muss nicht lange überlegen: „Hundert!“ Denn das Angebot des Konzerns ist sehr breit. Zum Sortiment gehören etwa Piezo-Aktoren, die für Einspritzsysteme verwendet werden. Unter elektrischer Spannung dehnen sie sich blitzschnell aus, viel schneller als ein magnetisches System. Kyocera hat diese Keramikstäbchen auch in größeren Längen angeboten, doch sie konnten sich auf dem Markt nicht durchsetzen. Dabei könnten sie auf dem Weg zum sauberen Diesel entscheidend helfen. Piezo-Elemente sorgen auch für die Vibrationen, die den Kamerasensor von Staub befreien. Und sie machen neuerdings Displays möglich, die sich wie echte Taster anfühlen.

Bei einem neu entwickelten Display von Kyocera schaut eine unsichtbare Kamera von hinten durch das Display. Sie kann den Autofahrer überwachen, ohne dass er sich beobachtet fühlt: Droht der Sekundenschlaf? Ist das ein Unbekannter, der das Auto womöglich gestohlen hat? Die Erkennung, welche Sitze belegt sind, erledigt die Kamera gleich mit. Dass so ein Sitz angenehm ist, dafür sorgen flache Peltier-Elemente, die je nach Stromrichtung heizen oder kühlen. Kyocera fertigt diese Elemente, anders als die Konkurrenz, aus Kupfer. Die so besonders dünnen Elemente können auch Akkus kühlen, etwa in Elektroautos.

Kyocera begann 1959 in Kyoto, Japan, mit 28 Mitarbeitern und baut heute Drucker, Solarzellen, Medizinprodukte, für Japan und die USA auch Smartphones und weltweit vieles mehr. Beim Bahnhof Oberesslingen ist die Sparte Kyocera Fineceramics GmbH zu Hause, mit etwa 120 Mitarbeitern. Dem Europasitz sind Niederlassungen in weiteren Ländern und direkt zwei Zweigstellen in Neuss und Moskau zugeordnet. Der Beginn in der Region war übrigens 1971 in Plochingen in Kooperation mit der Feldmühle AG.

„Wir hätten es wie Intel machen sollen“, sagt Direktor Rafael Schroeer. Wo in einem PC ein Intel-Prozessor drin sei, klebe ein „Intel inside“ drauf. „Aber es gibt kein ‚Kyocera inside‘“. Dabei sind, da hat die Firma genau nachgezählt, im iPhone von Apple 14 Produkte von Kyocera drin.

Fast jeder kennt die RFID-Chips, die als Diebstahlsicherung auf vielen Produkten kleben. Kyocera baut diese Antennen in winzige, nur 2,5 Millimeter mal 2,5 Millimeter kleine Keramikgehäuse ein. Sie finden ihre Anwendung auch bei Operationsbesteck, das sich damit dauerhaft erfassen lässt. Die Keramik hält 300 Grad Celsius und damit auch die Sterilisierung aus.Peter Dietrich

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