Zwischen Neckar und Alb

Kirchenbesuche auf Abstand

Kirche Nach mehreren Wochen sind an diesem Wochenende wieder Gottesdienste mit Gästen erlaubt. Aber für die katholischen und evangelischen Gemeinden gibt es vorher jede Menge zu tun. Von Julia Theermann

Symbolfoto: Jean-Luc Jacques
Symbolfoto: Jean-Luc Jacques

Aufatmen für Gläubige. An diesem Wochenende können in den ersten Kirchen im Kreis wieder Gottesdienste mit Publikum stattfinden. Wochenlang hatten Pfarrer und Priester die gottesdienstfreie Zeit mit Streaming-Gottesdiensten oder Predigten zum Mitnehmen überbrückt. Nun kann der Gottesdienst wieder gemeinsam gefeiert werden. Allerdings mit strengen Auflagen.

Hygienestationen an den Eingängen, nur Handkommunion, Mund-Nasenschutz, ausreichend Platz beim Sitzen und beim Betreten und Verlassen der Gotteshäuser. Bevor wieder Gläubige in größeren Zahlen in die Kirchen dürfen, müssen die Gemeinden also noch einiges an Arbeit investieren. Und nicht in allen Kirchengebäuden wird das umzusetzen sein.

Namensliste wird geführt

Aus den Abstandsregeln ergibt sich auch eine Obergrenze für die Zahl der Gottesdienstbesucher. „Die ist für jede Kirche anders“, erklärt der evangelische Dekan Bernd Weißenborn. Mehr als 100 sollten es aber in keinem Fall sein. Bei einigen kleinen Kirchen bliebe bei Einhaltung der Regelung nur noch eine Handvoll Sitze übrig. Stehplätze gibt es keine mehr und ein Ordnungsdienst muss die Platzanweisung übernehmen. „Darüber hinaus geht der Besuch des Gottesdienstes nur mit Voranmeldung“, so Weißenborn. „Wir brauchen ja die Namen der Teilnehmer, um mögliche Infektionsketten nachvollziehen zu können“

Auch in den Kirchen, die der katholische Dekan Paul Magino betreut, müssen diese Maßnahmen umgesetzt werden. Dazu kommt, dass nach wie vor kein Weihwasser in den Kirchen bereitgestellt wird. Eine schwerwiegende Einschränkung sieht Magino allerdings in der Kommunion. „Die liturgischen Gefäße müssen während der Gottesdienstfeier abgedeckt sein und die Pfarrer müssen sich die Hände desinfizieren, bevor sie mit der Kommunion beginnen.“ Diese muss allerdings in Corona-Zeiten auch anders verlaufen. „Gerade ältere Gemeindemitglieder lassen sich die Hostie gerne auf die Zunge legen, das ist jetzt untersagt“, erklärt Magino. Für ihn steht die Einhaltung dieser Regeln zwar außer Frage, aber es schmerzt ihn, dass die Kommunion unter solchen Bedingungen stattfinden muss. „Ausgerechnet diese sehr intensive und persönliche Art des Feierns kann nur unter solchen Vorzeichen stattfinden. Ich hätte mir gewünscht, dass wir die Zeit ohne gemeinsamen Gottesdienst noch eine Weile ausgehalten hätten.“

Auch Dekan Weißenborn sieht nicht alles positiv. „Die Sehnsucht nach Gottesdiensten ist zwar groß“, sagt er, doch einen Ansturm auf die Kirchen in seinem Dekanat erwartet Weißenborn trotz der langen Pause nicht: „Unsere Klientel ist oft schön älter und viele haben Vorerkrankungen.“ Daher bezweifle er, ob viele Gläubige unter den Bedingungen zur Kirche kämen. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart hat unterdessen die Sonntagspflicht weiterhin ausgesetzt, damit Ältere und Kranke „keine falsche innere Verpflichtung verspüren, trotz des Bewusstseins der eigenen Gefährdung in den Gottesdienst kommen zu müssen“, heißt es in einer Pressemitteilung. Es werde zunächst auch weiterhin Gottesdienst-Angebote für zu Hause geben. „Das ist eine neu wiederentdeckte Form, die an den Anfang unseres gottesdienstlichen Wirkens erinnert“, erklärt Magino.

Eine weitere Einschränkung müssen die Gottesdienstbesucher hinnehmen: gemeinsamer Gesang ist in der Kirche verboten. „Das wird sehr ungewohnt“, sagt Weißenborn, „das nimmt dem Gottesdienst ein zentrales Element.“ Auch Dekan Magino fragt sich: „Ist das noch eine würdige Feier?“ Aber, so Dekan Weißenborn, vielleicht könne man sich ja nun im Gottesdienst mehr auf das Hören fokussieren. Orgelspiel oder Solisten könnten ihr Talent unter Beweis stellen.

Die beiden Geistlichen sind im Übrigen begeistert davon, welche Kreativität und Flexibilität ihre Gemeinden während der Kontaktsperre gezeigt haben. „Auch die Kirche hat gezwungenermaßen einen Digitalisierungsschub erlebt“, sagt Magino. Man müsse nun schauen, welche der neuen Gottesdienstelemente aus der Zeit der Kontaktsperre man beibehalten werde. Beide Dekane sind sich einig, dass man mehr und neue Menschen mit den Streaming-Angeboten erreicht habe. „Eventuell müssen wir uns auch fragen, was nicht gefehlt hat und was wir auch künftig weglassen können.“

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