Zwischen Neckar und Alb

Klimaretter kommen in Esslingen auf den Prüfstand

Bäume Am Neckar wird erprobt, welche Arten in den Innenstädten der künftigen Witterung standhalten können.

In der Stadt sind Bäume besonderen Belastungen ausgesetzt.
In der Stadt sind Bäume besonderen Belastungen ausgesetzt.

Esslingen. Der Extremsommer war ein Vorgeschmack darauf, was der Klimawandel erwarten lässt. Doch nicht nur Menschen, sondern auch Bäume haben unter Hitze und Trockenheit gelitten - vor allem die Arten, die kühlere Temperaturen bevorzugen. Deshalb erprobt die Stadt Esslingen verstärkt neue Sorten und Arten, die besser mit einem wärmeren Klima klarkommen. Zudem strebt man mehr Bäume in der City an, braucht dafür aber auch mehr Personal.

Stadtbäume sind ohnehin schon mehr Belastungen ausgesetzt als Bäume im Wald, denn sie müssen mit verdichteten und versiegelten Böden klar kommen, mit dem wärmeren und trockeneren Stadtklima, mit Luft- und Bodenschadstoffen, mit Streusalz und Kunstlicht. Deshalb erreichen viele Stadtbäume laut Gebhard Räcke vom Grünflächenamt nicht einmal die Hälfte ihres potenziellen Lebensalters. Die Auswirkungen des Klimawandels sorgen für zusätzliche Belastungen. Schon jetzt hätten einige Arten große Probleme mit den veränderten Witterungsverhältnissen. Hinzu kämen neue Schädlingsarten, die mit der Verschiebung der Klimazonen einwanderten.

Grün mit Kühleffekt

Gleichzeitig steigt die Bedeutung von Grün in der Stadt. Schon ein einziger großer Stadtbaum könne durch Schatten sowie durch eine Verdunstung von bis zu 400 Litern pro Stunde im Sommer seine Umgebung um bis zu drei Grad abkühlen und die Luftfeuchtigkeit deutlich erhöhen, heißt es vom Grünflächenamt. Dabei gelte: Je mehr Fläche mit Baumkronen bedeckt ist, desto weiter strahlt die Kühle in die Stadt hinaus. Auch darüber hinaus erfüllten Bäume wichtige Funktionen: Sie filtern Schadstoffe aus Luft und Boden, werten das Stadtbild auf, sind Lebensraum für Vögel und Insekten und wirken positiv auf die Psyche.

Derzeit ist das Esslinger Grünflächenamt für rund 28 700 Bäume in der Stadt zuständig. Die meisten davon, nämlich fast 6 800, sind Ahornbäume, gefolgt von rund 3 100 Hainbuchen und etwa 3 000 Linden. Hinzu kommen Eschen, Weiden und Birken sowie Eichen, Robinien, Baumhasel, Erlen und Rosskastanien. Allerdings will sich die Stadt nicht nur auf wenige Sorten und Arten konzentrieren, weil das drastische Folgen haben könnte, wenn eine davon wegen Krankheit oder Schädlingsbefall ausfällt. Deshalb gibt es rund 160 verschiedene Baumtypen in der City.

Diese hat die Stadt nun nach aktuellen wissenschaftlichen Kriterien beurteilt. Laut Grünflächenamt sind demnach etwa zwei Drittel der Esslinger Bäume ganz gut geeignet für das künftige Stadtklima, ein Drittel hingegen eher nicht. Deshalb will man nun regelmäßig neue Sorten ausprobieren. Es gehe jedoch nicht darum, grundsätzlich alte und bewährte Baumarten zu ersetzen - aber dort, wo diese nicht mehr vital seien, wolle man neue Arten erproben.

Für die Pflege der Bäume stehen derzeit rund 500 000 Euro im Jahr zur Verfügung, vier Baumpfleger sind beim Grünflächenamt tätig. Doch das ist laut Gebhard Räcke zu wenig: In den vergangenen 20 Jahren sei die Zahl der Stadtbäume um 1 900 gestiegen, Personal und Budget seien aber gleich geblieben. Zudem will die Stadt die Zahl der Bäume noch weiter erhöhen. Für zusätzliche Exemplare stehen im Haushalt derzeit bis zu 135 000 Euro pro Jahr zur Verfügung, doch laut Räcke braucht man auch mindestens zwei zusätzliche Stellen für die Baumpflege. Eine davon lasse sich durch interne Umschichtung schaffen, eine weitere beantrage man für den Stellenplan 2019. Im Umweltausschuss zeigten sich die Räte nicht abgeneigt, dem zuzustimmen - schließlich seien Bäume zunehmend wichtig.Melanie Braun

Kriterien für Bäume in der Stadt

Als idealer Stadtbaum gelten Arten und Sorten, die das Stadtklima ertragen können. Das sind oft Züchtungen aus wärmeren Klimazonen, die mit Widrigkeiten wie Strahlungshitze, Verdichtung und Wassermangel besser zurechtkommen. Ungeeignet sind laut Grünflächenamt hingegen vor allem typische Vertreter heimischer Hoch- und Auwälder wie Bergahorn, Sommerlinde, Schwarzerle und Weißweide. Aber auch Bäume, deren Äste leicht brechen - wie Silberahorn oder Pappeln - oder solche, bei denen damit zu rechnen ist, dass viele Früchte herabfallen. wie etwa bei der Vogelkirsche, gehören nicht in Verkehrsbereiche. Ebenfalls ungeeignet seien krankheitsanfällige Arten wie Esche oder Stieleiche. Ein idealer Straßenbaum ist laut dem Esslinger Grünflächenamt widerstandsfähig gegenüber Krankheiten und hat unter anderem tendenziell eher kleinere Blätter, eine robuste Borke, keine oder nur kleine Früchte sowie - angesichts beengter Räume - eine schlanke Krone und lange Wurzeln, die auch an tief im Boden liegende Wasservorräte reichen.meb

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