Zwischen Neckar und Alb

kommentarZu kurze Leine

Ihr verhandelt mit Eurem Insolvenzverwalter!“ Deutlicher als der Chef der größten Kreistagsfraktion, Bernhard Richter, kann man es den Mitgliedern des Kreisjugendrings nicht sagen, wer am längeren Hebel sitzt. Die Bürgermeister nutzen die Finanzkrise des KJR, um die Strukturen nach ihren Vorstellungen zu ordnen. Bislang war die Mitgliederversammlung des Kreisjugendrings das entscheidende Vereinsgremium. Das heißt nicht, dass der KJR völlig autark handeln konnte. Auf neue Anforderungen wie bei der Schulsozialarbeit hat er sich im Zusammenspiel mit dem Jugendhilfe-Ausschuss des Kreistags eingerichtet. Und über das Budget hatte der Kreistag stets eine Hand am Zügel.

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Aber die Unabhängigkeit im Denken, im Vorantreiben neuer Projekte war eine Stärke des Kreisjugendrings und sie hat dem Landkreis und seinen Kommunen gut getan. Auf die Arbeits- und Finanzteilung des „Esslinger Modells“ war man immer stolz und päda­gogisch waren KJR und Kreis immer am Puls der Zeit. Nicht mehr zeitgemäß war jedoch die bisherige Vereinsstruktur. Vom Kerngeschäft des KJR waren die Mitgliedsverbände relativ weit entfernt, und die Mitglieder wären gut beraten gewesen, diese Struktur anzupassen – zu Zeiten, in denen man noch nicht angeschlagen war.

Die eklatanteste Schwachstelle war jedoch die kaufmännische Kompetenz auf der dünn besetzten KJR-Geschäftsstelle. Das strukturelle Defizit wurde zu spät entdeckt. Die Kommunen und der Landkreis sind dem Kreisjugendring mit Sonderzahlungen beigesprungen. Jetzt stellen sie als Geldgeber die Rechnung: Sie beanspruchen im Vorstand – egal ob in einer Vereinsstruktur oder einer GmbH – die Mehrheit. Der Kreisjugendring wird dadurch vom gleichberechtigten Partner zum Dienstleister in Sachen Jugendarbeit degradiert.

Ist das klug? Es ist verständlich, dass die Geldgeber nach diesem Finanzdebakel den Daumen drauflegen wollen. Aber die Kontrolle des kaufmännischen Geschäftsführers, den der KJR natürlich braucht, kann auch der Revisionsausschuss des Landratsamtes übernehmen. Der Vereinsvorstand könnte auch paritätisch besetzt werden. Jugendarbeit wird gut, wenn sie sich auf pädagogische Erfahrung stützt und – wie bisher – neue wissenschaftliche Erkenntnisse ebenso einfließen wie Wünsche der Kommunen. Die kurze Leine der Kommunalpolitik braucht sie nicht. ROLAND KURZ