Zwischen Neckar und Alb

Komplizierte Schuldnerberatung

Arbeitslosigkeit und Niedriglöhne sind häufige Ursachen

Ein Grund zum Feiern ist das nicht, wenn die Schuldnerberatung im Landkreis Esslingen auf ihre 25-jährige Tätigkeit zurückblickt. Die Beratung ist nötiger denn je. Dabei sind schlechte Haushaltsführung oder ausuferndes Konsumverhalten seltener die Ursachen für die Finanznot als Arbeitslosigkeit, Krankheit und niedriges Einkommen.

Kreis Esslingen. Insgesamt 1 296 Menschen haben die Schuldnerberatungsstellen im Jahr 2014 beraten. Dies zeigt der Jahresbericht, der im Sozialausschuss des Kreistags vorgelegt wurde. Davon sind 565 langfristige Betreuungen, bei den anderen Beratungen handelt es sich um eine erste Hilfestellung. Der DRK-Kreisverband Nürtingen-Kirchheim und der Kreisdiakonieverband sind im Auftrag des Landkreises aktiv. Die elf hauptamtlichen Berater werden von 17 Ehrenamtlichen unterstützt, die regelmäßig geschult werden und bei den Treffen mit den Hauptamtlichen ihre Fälle besprechen können.

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Die Beratung werde immer komplexer, sagte Kreissozialdezernentin Katharina Kiewel bei der Übergabe des Jahresberichts. Das hat mit dem neuen Pfändungsschutz und der reformierten Insolvenzordnung zu tun, aber auch mit den komplizierten Regeln zu Arbeitslosengeld II (ALG II). Diese Themen sind für die Schuldner schwer durchschaubar. Weil das Einkommen nicht ausreicht, beantragen viele Haushalte aufstockendes ALG II. Das bedeutet, dass erst mal eine aufwendige sozialrechtliche Beratung notwendig ist. Zunehmend kommen auch ältere Menschen, die kurz vor dem Ruhestand stehen oder gerade in Rente gegangen sind, zur Beratung.

Nach wie vor hoch ist die Zahl der überschuldeten Menschen mit psychischen oder körperlichen Krankheiten. Während sich unwirtschaftliche Haushaltsführung als Ursache in den vergangenen fünf Jahren halbiert hat, haben Einkommensarmut und Krankheit zugenommen. Trennung oder Scheidung sind ebenfalls Umstände, die oft den Schuldenstand wachsen lassen. Die Altersgruppe der 40- bis 50-Jährigen ist in den Beratungsstellen am stärksten vertreten.

 

Erst muss eine stabile Grundlage aufgebaut werden

Für eine langfristige Beratung gibt es nach wie vor Wartezeiten. In der wöchentlichen Telefonsprechstunde – sie hat regen Zulauf – können aber akute Probleme wie Pfändungen oder Drohungen von Gläubigern besprochen werden. Die Schuldner erhalten dabei Handlungsempfehlungen, die sie im Umgang mit den Gläubigern stärken.

In der Beratungsstelle geht es dann häufig erst einmal um „Schuldenarchäologie“: Es wird gegraben, welche Forderungen überhaupt vorliegen. Dann muss eine stabile Grundlage hergestellt werden, auf der eine Entschuldung aufgebaut werden kann. Wohnraum- und Energieversorgung müssen besprochen werden. Eventuell sind Unterstützung oder Therapien durch andere Einrichtungen nötig. Seitdem es ein Pfändungsschutzkonto gibt und ein Freibetrag bescheinigt wird, fällt es leichter, einen Haushalt zu stabilisieren.

Regelmäßig sind jedoch unberechtigte Forderungen von Inkassobüros zeitaufwendige Beratungsthemen. Die Helfer beklagen, dass die Schuldner aufgrund fehlender Rechtsgrundlage weiterhin mit „komplett unterschiedlichen und häufig unberechtigten Gebührengestaltungen“ belastet werden. Schuldnerberatung ist also zu einem großen Teil auch Verbraucherschutz. Derzeit laufen einige Beschwerdeverfahren gegen Inkassobüros vor Gericht. Auch Banken machen laut Bericht gelegentlich Schwierigkeiten, wenn sie stillgelegte Konten nicht kündigen wollen oder ihre Kunden unzureichend informieren.

Wie erfolgreich die Schuldnerberatung sei, lasse sich schwer messen, fasst der Bericht zusammen. Es gebe jedoch einzelne Studien, die belegten, dass sich Schuldenfreiheit positiv auf die Gesundheit auswirke. Das Wohlbefinden der Ratsuchenden steige, weil ihnen zugehört werde, und der Rechtsschutz gebe ihnen mehr Sicherheit.