Zwischen Neckar und Alb

Krähende Hähne und Siebenschläfer

Bauernregeln Landwirte haben wenig Vertrauen in die gereimten Weisheiten. Verärgerung über die aktuelle Kampagne des Bundesumweltministeriums. Von Miriam Schröder

Kräht der Hahn am Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt wie’s ist - diese Bauernregeln trifft mit Sicherheit zu.Foto: Jean-Lu
Kräht der Hahn am Mist, ändert sich das Wetter oder bleibt wie’s ist - diese Bauernregeln trifft mit Sicherheit zu.Foto: Jean-Luc Jacques

Bereits Aristoteles versuchte in seiner „Meteorologica“ durch langzeitige Beobachtungen Rückschlüsse auf das bevorstehende Wetter zu ziehen. Über Jahrhunderte hinweg waren solche Erfahrungswerte, oft in die Form gereimter „Bauernregeln“ gegossen, in der Landwirtschaft das einzige Mittel, um Voraussagen über das Wetter zu treffen. Heutzutage ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass in vielen dieser Bauernregeln ein Körnchen Wahrheit steckt. So gibt es Untersuchungen, denen zufolge die Siebenschläferregel in 70 bis 80 Prozent aller Fälle zutreffend ist: „Wenn die Siebenschläfer Regen kochen, dann regnet’s ganze sieben Wochen.“

An die Tradition der gereimten Weisheiten schließt die Kampagne für nachhaltige Landwirtschaft der Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) an. Ihr Ministerium hat elf neue „Bauernregeln“ entworfen, die im Stile der alten Volkssprüche auf humorvolle Weise für nachhaltige Landwirtschaft werben sollten. Die Bauern im Kreis Esslingen schätzen zwar die alte Tradition der Bauernsprüche durchaus, sie sind allerdings empört über die Kampagne der Ministerin, die die Landwirte mit Sprüchen wie „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein“ in die Schranken weisen will.

Offiziell hat der Kreisbauernverband Esslingen zu der Kampagne des Umweltministeriums keine Position bezogen - eine Meinung hat der stellvertretende Vorsitzende des Kreisbauernverbands, Siegfried Nägele, aber trotzdem: „Ich finde diese Umdichtungen sehr schwierig und äußerst fraglich. Sie sind pauschalisierend und diskriminieren einen ganzen Berufsstand“, findet Nägele. Vor allem die starke Vereinfachung stößt dem Landwirt aus Bissingen sauer auf. So ignoriere die Kampagne die Komplexität und Vielseitigkeit, die hinter dem Beruf des Landwirts stecke, und gaukele eine nicht vorhandene Idylle in der Landwirtschaft vor.

Außerdem sei die Situation in Deutschland heute eigentlich besser denn je, meint Nägele. Es gebe keine Versorgungsnot, die Nahrungsmittel hätten eine sehr hohe Qualität, und auch die Tierhaltung sehe heutzutage viel besser aus als noch in den vielfach beschworenen guten alten Zeiten. Mit den traditionellen Bauernregeln hat Nägeles Verärgerung aber wenig zu tun. Die schätzt der Landwirt nämlich. „Ein trockenes Jahr überlebt der Bauer, ein nasses nicht“, ist zum Beispiel eine Weisheit, die Nägele gerne anbringt, wenn seine Mitarbeiter sich über ein trockenes Jahr beschweren. Eine Dürreperiode sei schlecht für die Landwirtschaft, keine Frage, aber immerhin könne die Ernte noch nach Hause gebracht und dort gelagert werden. Bei viel Regen sei das nicht der Fall. Da könne die Nässe schon mal schnell die ganze Ernte ruinieren und alles verfaulen lassen, erklärt er.

Der Kritik an Hendricks’ Umweltkampagne schließt sich Martin Krinn an: „Ich fand die Bauernregeln von Frau Hendricks sehr amüsant - nicht aber, weil ich die Sprüche lustig fand, sondern weil ich kaum glauben konnte, dass ein Ministerium sich so im Ton vergreifen kann.“ Der Vorsitzende der Fachgruppe Obstbau im Kreisverband der Obst- und Gartenbauvereine und stellvertretende Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Berkheim hat allerdings auch zu den alten Bauernregeln nur wenig Zugang. „Ich schaue einfach auf die Witterung und handle dementsprechend. Dazu brauche ich keine Bauernregeln“, stellt der Esslinger Obstbauer klar. Auch Reinhard Clauß, Gemüsebauer aus Esslingen, fehlt der Bezug zu traditionellen Bauernsprüchen. Allerdings sind einige Erfahrungen für den Landwirt dennoch gute Wegweiser: „Alt bewährten Regeln, die sich statistisch als wahr erwiesen haben und die wissenschaftlich belegt sind, vertraue ich schon.“ Zum Beispiel die altbekannte Siebenschläferregel habe sich schon oft als vertrauenswürdig erwiesen.

Auch Lore Sohn aus Esslingen, deren Familie seit Generationen in der Landwirtschaft tätig ist, baut auf den Siebenschläfer. Ansonsten haben Bauernregeln für die Familie aber kaum praktischen Nutzen: „Einen traditionellen Wert haben die Regeln natürlich schon“, räumt sie ein. Aber sie seien doch eher Thema der Eltern gewesen. „Wenn wir heute über Bauernregeln sprechen, dann machen wir das hauptsächlich in der Erinnerung an unsere Eltern. Die wussten darüber auch noch viel mehr.“ Auch Michael Zimmer, ehemaliger Vorsitzender des Kreisbauernverbands, empfindet das so. „So wichtig sind die Bauernregeln nicht. Man schaut vielleicht schon mal in einen entsprechenden Kalender, aber vertrauen tun wir eher den neuen Informationsmedien“, erzählt der Landwirt aus Köngen.

Der jungen Generation geht es da ähnlich. Zumindest kann Simon Hörz, Vorsitzender der Landjugend Esslingen-Filder, von keiner innigen Bindung zu der alten Tradition berichten und auch bei den regelmäßigen Treffen der Jugendgruppe waren die Sprüche noch nie ein Thema.

Die Landwirte im Kreis Esslingen können den Sprüchen teilweise noch einen praktischen Nutzen abgewinnen. Einige Regeln haben sich im Laufe der Zeit bewährt und andere sind sogar meteorologisch begründbar. Wie viel Wahrheit nun tatsächlich in den einzelnen Sprüchen steckt, ist vielleicht aber auch gar nicht so wichtig. Schließlich heißt es nicht umsonst: Bauernregeln sind nicht unbedingt zuverlässiger als die Wettervorhersage, aber sicherlich unterhaltsamer.

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