Zwischen Neckar und Alb

Kreis zahlt für bessere S-Bahn

Verkehr Die Region Stuttgart kauft 56 neue S-Bahn-Züge. Das Land beteiligt sich an den Kosten, aber der Landkreis Esslingen muss dafür ebenfalls zehn Jahre lang jeweils 2,5 Millionen Euro beitragen. Von Roland Kurz

Die S-Bahn soll das Rückgrat des ÖPNV in der Region bleiben.Foto: Jean-Luc Jacques
Die S-Bahn wird aufgepäppelt, mit neuen Zügen und neuer Steuerungstechnik. Foto: Jean-Luc Jacques

Im Dezember hatte sich Landrat Heinz Eininger noch mächtig über die Region Stuttgart aufgeregt: Kurz vor Weihnachten war er von einem Finanzierungspaket mit 500 Millionen Euro überrascht worden, an dem sich der Landkreis Esslingen beteiligen sollte. Beschafft werden sollen 56 neue S-Bahn-Züge und die neue Signaltechnik ETCS. Jetzt steht fest, wie hoch der Kreisanteil ist: 2,5 Millionen Euro jährlich von 2022 bis 2032. Eininger ist besänftigt: „Das ist jetzt ein vertretbarer Umfang“, sagte er im Finanzausschuss des Kreistags. Bei der Großen Wendlinger Kurve ist der Landrat aber noch im Kampfmodus: Dafür zahle man nur, wenn sich auch die Region Neckar-Alb beteilige. Die Kreisräte diskutierten außerdem über die mögliche Splittung der S-Bahn-Linie nach Kirchheim und nach Nürtingen sowie über die Wendlinger Südumfahrung und den Ringschluss Filder-Neckartal.

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Dass die S-Bahn dringend aufgepäppelt werden muss, ist offensichtlich. 2010 beförderte sie knapp 330 000 Fahrgäste täglich, 2017 waren es 420 000, und wenn im April die günstigeren Tarifzonen kommen, wird ein erneuter Schub erwartet. Die Unterstützung durch das Land - zugesagt sind 230 Millionen Euro - sei ein „Riesenglück“, sagte Jürgen Wurmthaler, Regionaldirektor für Wirtschaft und Infrastruktur, im Kreistagsausschuss. Das bedeute, dass der Verband Region Stuttgart zehn Jahre lang etwa 11 bis 12 Millionen Euro aufbringen müsse, was nicht ohne Kredite gehe.

Die Regionalversammlung hatte dennoch das große Investitionspaket am vergangenen Mittwoch beschlossen. Die Kreisräte hatten nur noch Kenntnis zu nehmen. Sie ließen sich von Wurmthaler im Detail erläutern, was mit mehr und besser gesteuerten S-Bahnen möglich ist. Zum Beispiel der 15-Minuten-Takt im Kreis Esslingen. Der soll kommen, aber noch ist offen, ob er dazu genutzt werden soll, um die Linie der S1 in Wendlingen zu splitten: Eine S-Bahn fährt wie bisher nach Kirchheim weiter, die nächste nach Nürtingen. Interessant findet dies Wurmthaler, weil in Nürtingen künftig Metropolexpresszüge halten, die über die neue ICE-Strecke auf die Filder und dann nach Stuttgart fahren. Der Regionaldirektor: „Das wäre dann so eine Art Ringschluss mit Umstieg.“ Davon abgesehen sei der 15-Minuten-Takt in Richtung Kirchheim wegen der Bahnübergänge in Wendlingen problematisch. „Überhaupt nicht denkbar“ angesichts fünf kurz aufeinanderfolgender Übergänge, verstärkte Kreisrat Steffen Weigel (SPD) die Bedenken. Langfristig hätte der Wendlinger Bürgermeister gern die Südumfahrung der Stadt. Davon profitiere nicht nur Wendlingen, sondern der gesamte Raum Kirchheim. Sieghart Friz (CDU), Bürgermeister in Unterensingen, warb ebenfalls dafür, die „Vision“ Südumfahrung nicht aufzugeben.

Die S-Bahn im Wechsel nach Nürtingen fahren zu lassen, sei zwar eine „pragmatische Zwischenlösung“, sagte Armin Elbl (Freie Wähler), doch nach wie vor wäre eine S-Bahn-Linie von Wendlingen auf die Filder die bessere Variante. Das Planungstempo der Bahn finden alle Kreisräte zu langsam, am schärfsten drückte sich Peter Rauscher (Linke) aus: Mit diesem Geld betreibe die Bahn nur Systemstabilisierung, keinen Ausbau. So klein machen lassen wollte der Landrat das Investitionspaket nicht. Das sei nicht nur Bestandssicherung, sondern eine erhebliche Ausweitung des Angebots. Es verdiene Respekt, dass die Verwaltungen dieses Programm in kurzer Zeit auf den Weg gebracht hätte. Sagen dürfe man aber, dass dem Land „der Kittel brenne“ und Verkehrsminister Winfried Herrmann über seinen Schatten gesprungen sei. Die Region und der Landkreis hätten nichts verschlafen, betonte Wurmthaler. Er verwies auf die Studie, die noch dieses Jahr klären soll, welche Trasse von den Fildern ins Neckartal den besten Kosten-Nutzen-Faktor erwarten lasse. Klar ist, dass diese Strecke teuer wird: zwischen 500 Millionen und einer Milliarde Euro, schätzt Wurmthaler, aber „wir geben die Vision eines Ringschlusses nicht auf“.

Signaltechnik ETCS

Mit der bisherigen Signaltechnik können maximal 24 S-Bahn-Züge durch den Tunnel in der Stuttgarter Innenstadt fahren. Mit dem European Train Control System (ETCS) können die Züge dichter und schneller aufeinander folgen. Wenn man den Abstand zwischen zwei S-Bahnen um 25 Sekunden verringere, höre sich das wenig an, sagt Jürgen Wurmthaler, Leitender Direktor Wirtschaft und Infrastruktur der Region Stuttgart. Aber bei 24 Zügen innerhalb einer Stunde komme da was zusammen. „Wunder wird die neue Technik nicht bewirken, aber die Zuverlässigkeit der S-Bahn wird größer“, sagt Wurmthaler. Die ETCS-Technik und digitale Stellwerke sollen bis 2025 betriebsbereit sein, damit auch die Kapazität von Stuttgart 21 gesteigert werden kann. Mit der neuen Technik wird zudem die Verlängerung des Vertrags zwischen Region Stuttgart und der DB um vier Jahre, bis Juni 2032, begründet. Gekauft werden auch 58 neue Triebzüge (zwei zahlt die Bahn, 56 die Region mit Zuschuss vom Land). Das ermöglicht eine durchgehende Langzugbildung in der Hauptverkehrszeit.