Zwischen Neckar und Alb

Krieg im Kopf

Hilfen Der Landkreis stärkt seine psychologischen Beratungsstellen im Umgang mit traumatisierten Gewaltopfern. In der Hälfte der Fälle sind Kinder und Jugendliche betroffen. Von Bernd Köble

Foto: Pixabay
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Gesellschaften und Staaten, die keinen Schutz vor Gewalt bieten, hinterlassen Menschen mit einer kranken Seele. Wie viele derer, die in den vergangenen Jahren vor Krieg, Armut und Verfolgung nach Europa geflüchtet sind, schwere Traumata in sich tragen, weiß niemand. Im Kreis Esslingen versucht man seit Anfang vergangenen Jahres, sein Angebot an psychischen Hilfen verstärkt auf diese Zielgruppe auszurichten. In den zurückliegenden 15 Monaten fanden Schulungen für etwa 120 Fachkräfte statt. Gleichzeitig wurden die Beratungsstellen freier Träger wie Caritas, Kompass, Kreisdiakonieverband, Stiftung Tragwerk oder Wildwasser um jeweils eine Viertelstelle aufgestockt. Wichtigster Partner und Ratgeber im Landkreis ist Refugio, das größte psychosoziale Zentrum für traumatisierte Flüchtlinge im Land. Der Stuttgarter Verein bietet seit April 2018 auch eine Telefon-Hotline für Fachkräfte an.

Für den Kreis, der in diesem Jahr 145 000 Euro für das Gesamtkonzept ausgibt, bedeuten diese Anstrengungen, das Beste aus dem zu machen, was an Hilfsangeboten bereits da ist. Stationäre Therapieplätze für Traumapatienten, wie es sie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Esslingen gibt, sind rar und mit langen Wartezeiten verbunden. Mediziner wie Dr. Gunter Joas, der dort als Chefarzt tätig ist, beklagen schon lange eine chronische Unterversorgung der psychiatrischen Kliniken im Land. Auch wenn eine stationäre Therapie nicht immer die wirksamere Hilfe bedeutet, wie Regina Weißenstein meint. „Die offene Beratungsarbeit kann da oft mehr leisten“, sagt die Leiterin von ProJuFa (Proaktive Beratung und Hilfen für junge Familien).

In 130 Fällen hat das kreisweite Netzwerk im vergangenen Jahr unterstützt und beraten. In mehr als der Hälfte davon ging es um Eltern, Familien und Kinder. 45 Kinder und 14 junge Erwachsene unter 21 Jahren wurden darüber hinaus am Klinikum in Esslingen ambulant behandelt. Kinder, die in der Heimat und auf Fluchtwegen Schreckliches erlebt haben, stehen besonders im Fokus.

Vermittlung über Dritte

Es geht darum, schwere Entwicklungsstörungen mit Langzeitwirkung zu vermeiden, dabei die Schutzfunktion der Familie zu erhalten. Kranke Seelen aufzuspüren, fällt dabei nicht immer leicht. „Die Schulsozialarbeit ist für uns deshalb ein wichtiger Indikator“, sagt Regina Weißenstein. „In den meisten Fällen erfolgt die Vermittlung über Dritte.“ Niederschwellige Angebote, offene Sprechstunden und vor allem ausgebildete Dolmetscher, deren Weiterbildung ein Schwerpunkt im Frühjahr ist, sollen helfen, kulturelle und sprachliche Barrieren zu überwinden.

Die Hilfe ist meist auch für diejenigen belastend, die sie leisten. „Fast alle unsere Berater berichten von schwerer Arbeit und sehr komplexen Fällen“, sagt der Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands, Eberhard Haußmann.

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