Zwischen Neckar und Alb

„Künstliche Intelligenz ist besser als natürliche Dummheit“

Wirtschaft Sind „Maschinen mit Gehirn“ gefährlich oder unverzichtbar? Antworten und Impulse gab es dazu beim Unternehmer-Forum der Kreissparkasse. Von Simone Weiß

Kai Scholze von der KSK Esslingen-Nürtingen, Moderatorin Dunja Hayali, Peter Fettke von der Universität des Saarlands, Sebastian
Kai Scholze von der KSK Esslingen-Nürtingen, Moderatorin Dunja Hayali, Peter Fettke von der Universität des Saarlands, Sebastian Klenk, Geschäftsführer der Firma 5 Analytics, und Klaus Winkler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Firma Heller (von links). Foto: Roberto Bulgrin

Künstlich-gefährliche Technologiehysterie oder intelligente, unverzichtbare Lösungssysteme der Zukunft? Künstliche Intelligenz (KI) ist ein zweischneidiges Schwert, das tiefe Einschnitte in Gesellschaft und Wirtschaft hinterlässt, aber auch einschneidende Veränderungen zum Positiven bewirken kann. Vor allem um die Auswirkungen von KI auf den für die Region so wichtigen Mittelstand ging es beim elften Unternehmerforum der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen im „Haus des Kunden“ in Esslingen.

Sie ist schwer zu fassen. Künstliche Intelligenz hat eine folgenschwere Eigenschaft: „Wenn sie funktioniert, nimmt man sie nicht mehr als KI wahr“, führte Professor Peter Fettke von der Universität des Saarlandes und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in seinem Definitionsversuch aus. Google Maps, das Abscannen von Papierbelegen, Schachspiel gegen einen Computer oder Spracherkennung beispielsweise seien längst unbemerkt Teil des Alltags. Doch es geht weiter. Der Experte wagte einen Blick in die KI-Zukunft: Sie werde auch in Bereiche menschlicher Kreativität vordringen, Bilder selbst kreieren oder Musik komponieren, und sie werde Emotionen erkennen und darauf reagieren können. In Japan würden bereits Experimente gemacht, Maschinen identifizierten und zeigten menschliche Regungen und könnten somit etwa in der Seniorenpflege eingesetzt werden. Peter Fettke: „Künstliche Intelligenz ist besser als natürliche Dummheit, aber nicht besser als menschliches Expertenwissen.“

Moderatorin Dunja Hayali, bekannt aus dem ARD-Morgenmagazin, war die Skepsis anzumerken. Viel Zeit verbrauchte sie mit der umständlichen Erklärung des Tätigkeitsfeldes von Podiumsgast Sebastian Klenk, dem Geschäftsführer von 5 Analytics, sodass für Fragefelder wie die ethisch-moralische Komponente und die möglichen Grenzen von Künstlicher Intelligenz keine Zeit mehr blieb.

Auf die Frage nach Entlassungen und Arbeitsplatzverlusten durch Künstliche Intelligenz konterte Klaus Winkler, Vorsitzender der Geschäftsführung des Nürtinger Werkzeugmaschinenherstellers Heller, mit dem Hinweis: „Veränderungen gibt es immer.“ Doch KI sei die bessere Antwort auf Fachkräftemangel und demografischen Wandel. Wichtig bei der Umsetzung im Betrieb seien Transparenz und das Mitnehmen der Mitarbeiter. Und Sebastian Klenk verwies darauf, dass vor allem Jobs wegfallen würden, die von Menschen mit wenig Begeisterung gemacht würden - Jobs mit Hitze, Gestank und Lautstärke. Peter Fettke sprach gar von einer zweiten industriellen Revolution durch Künstliche Intelligenz: Die erste habe ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts körperliche durch maschinelle Arbeit ersetzt, die zweite, nun laufende industrielle Revolution ersetze geistige Arbeit durch Maschinen.

Einen bewussten, verantwortungsbewussten Umgang mit sensiblen Daten hat Sebastian Klenk in der Bevölkerung festgestellt, und Peter Fettke kennt zwei Arten unternehmerischer Reaktionen: Manche Betriebe würden KI-Neuerungen mit Datenschutz-Problematik im Ausland mit weniger strengen Bestimmungen als in Deutschland umsetzen, andere würden sich zu einheitlichen Standards bekennen und eine Weiterverfolgung der Neuerung ablehnen. Und er stellte kurz die Arbeit eines Mittelstandskompetenzzentrums vor, das Teil seines Tätigkeitsfelder ist und KI im Mittelstand zu verankern versuche: Neue Ideen würden den Unternehmen in einem mehrstufigen Konzept vermittelt. Auf einen Informationsblock mit Erklärungen über Künstliche Intelligenz und dessen Funktionsweise folge die Qualifizierung mit möglichen Anwendungsfeldern. Dann komme die Demonstration, bei der zusammen mit dem Unternehmen ein Prototyp entwickelt werde. Bei manchen Unternehmen würden die Hälfte bis drei Viertel der Ideen umgesetzt, andere würde schon bei der Informationsphase aussteigen: „Es sind keine Produkte von der Stange“, aber Produkte mit Folgen.

Bei der anschließenden Verleihung des Kreissparkassen-Gründerpreises an das Unternehmen Robo-Motion in Leinfelden-Echterdingen bedankte sich Geschäftsführer Andreas Wolf vorbildlich für Auszeichnung und das Preisgeld, das der Universität Merseburg zugute kommen soll. Denn der erste Mitarbeiter seines Betriebs stammte aus Merseburg, verunglückte aber tragischerweise bei einem Fahrradunfall tödlich. Menschliche Aspekte inmitten Künstlicher Intelligenz.

Anzeige