Zwischen Neckar und Alb

Küntslerpoet mit dem weiten Blick

Portrait Der 70-jährige Liedermacher Harald Immig gibt seit 2017 jährlich 40 Vorstellungen in der Mäulesmühle. Jetzt erscheint ein neues Album. Von Marcus Zecha

Der Liedermacher und Künstler Harald Immig vor seinem Atelier in Hohenstaufen. Das Haus aus dem Jahr 1740 liegt am Anstieg zum g
Der Liedermacher und Künstler Harald Immig vor seinem Atelier in Hohenstaufen. Das Haus aus dem Jahr 1740 liegt am Anstieg zum geschichtsträchtigen Gipfel.Foto: Giacinto Carlucci

Er hat den weiten, unverstellten Blick. Auf den täglichen Spaziergängen um seinen Berg, den Hohenstaufen, schweift dieser Blick über friedliche Dörfer, vitale Städte und die Schwäbische Alb, in deren Karstgestein das Wasser und die Zeit tiefe Täler gegraben haben. Dieser Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Weite und Enge, zwischen Sehnsucht nach fernen Ländern und dem Festhalten an der heimatlichen Scholle hat Harald Immig schon immer fasziniert. Das zeigt sich auch in der Literatur: Der gelernte Buchdrucker schätzt zeitgenössische Literatur, doch seine Liebe gehört Eduard Mörike und den Dichtern der Romantik, allen voran Rainer Maria Rilke mit seinem Versmaß und seiner handwerklichen Perfektion.

Wie geschnitten Brot

Lebensfremd ist der belesene Bücherfreund deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil: Das Multitalent weiß seine Kunst, oft mit knitzem Humor, zu verkaufen, ist von jeher sein eigener Manager, organisiert gut besuchte Konzert­reihen, führt sein eigenes Atelier. Und von wegen brotlose Kunst: Er legt jedes Jahr einen Kunstkalender samt lyrischen Kommentaren auf, der mehrfach ausgezeichnet wurde und - die Phrase sei in diesem Fall erlaubt - der verkauft sich wie geschnitten Brot.

Immig ist stolz darauf, dass sein Erfolg nicht auf Glück, Genie oder gar Zufall beruht, sondern auf schwäbischem Fleiß. Tausende Motive hat er inzwischen als erlebte Stimmungen in seinen Aquarellen festgehalten - vom Beutental bis nach Schottland, von Lerchenberg bis nach Kanada. Und immer wieder den Hohenstaufen, seinen Zauberberg. Dabei ist er alles andere als ein Eremit: Er kennt Gott und die Welt und erst recht die Hohenstaufener. 35 Jahre lang besuchte er den Antiquar und Maler Alfred Kümmerle alias Adam Stiefel, der bis zu seinem Tod dort wohnte, packte die Gitarre aus und machte mit ihm Hausmusik - einmal die Woche, ein fester Termin. Auch mit dem ehemaligen „Zupfgeigenhansel“ Thomas Friz hat Immig oft musiziert.

Seine eigene Musikerkarriere begann er als Straßenmusikant in Schwäbisch Gmünd. Inzwischen singt er seine humorig-poetischen Lieder, begleitet von Ute Wolf und Klaus Wuckelt, auf unzähligen Kleinkunstbühnen, Schlössern und Burgen im Land. Bei so vielen Auftritten, Reisen und Begegnungen haben sich viele Geschichten angesammelt. Und er weiß sie zu erzählen. Der Schalk sitzt ihm im Nacken, wenn er von den - sagen wir: verhaltenskreativen Bewohnern von Oberweckerstell oder Erkenbrechtsweiler berichtet, das Los einer besoffenen Kellerassel beschreibt oder sein Loblied auf den „Moschd“ anstimmt.

Elton John signiert sieben Mal

Auch für eine nette Anekdote ist Harald Immig immer gut. So berichtete er vor Jahren von der Begegnung mit Elton John in einem Hotel in Venedig. Immig wusste, wie sehr Elton John Blumen liebt. So legte er, nach einem kurzen Small-Talk mit dem Musiker, diesem sieben selbst gemalte Blumenkarten ins Hotelfach. Am nächsten Morgen fand er die Karten in seinem eigenen Fach wieder. So kam Immig unverhofft zu sieben besonderen Autogrammkarten des Popstars.

Seinen Humor schätzen auch Albin Braig und Karl-Heinz Hartmann alias Hannes und der Bürgermeister. In jährlich mehr als 40 Vorstellungen „gibt Immig die Stumpfes“ und gehört in der jedes Mal proppenvollen Mäulesmühle damit seit 2017 zum musikalischen Inventar dieser Unterhaltungs­abende.

Dieses Jahr feiert Harald Immig seinen 70. Geburtstag. In einem Alter, in dem andere sich längst in den Ruhestand verabschiedet haben, beschenkt er seine Bewunderer weiter regelmäßig mit seinen Liedern und seiner Malerei. Für sie ist und bleibt er der zeitlose Künstlerpoet mit dem weiten, unverstellten Blick.

Das Album „Vogelfeder“, arrangiert von Omnitah

Cover von Harald Immigs neuer CD "Vogelfeder"
Cover von Harald Immigs neuer CD "Vogelfeder". Foto: pr

Immigs neue CD: Nach einigen Duo-Auftritten trägt die Zusammenarbeit von Harald Immig und Omnitah nun weitere Früchte: Immigs neues, professionell produziertes Album „Vogelfeder“ wurde von der Liedermacherin arrangiert und in ihrem Studio aufgenommen. Die Sängerin, jüngst für ihr Album „Seelenstaub“ mehrfach ausgezeichnet, hat auch bei den Aufnahmen selbst mitgewirkt: Immer wieder umspielt sie zart mit Geige, Klavier und Stimme Immigs Gesang. Die vorwiegend poetisch-nachdenklichen Lieder baden mal in Wehmut, mal in Wohlklang, manchmal auch in beidem zugleich. Inhaltlich geht es um Immig-typische Themen wie Sehnsucht, den aufrechten Gang und seine Erinnerungen an die eigene „Kleine Welt“, etwa in dem melancholischen Folksong „Bilder“. Immigs Affinität zum Minnesang spiegelt sich in der schönen Ballade über Walter von der Vogelweide. Aber auch schwäbische Titel wie „Was koiner macht“ sind zu hören. Einer der stärksten Songs ist der vom Kaffeelöffel, der zu einer munteren Melodie heiter parliert: „Es isch herrlich ohne Macka / nackat en dr Schublad stracka“. Fazit: Das Album ist atmosphärisch dicht und effektvoll instrumentiert. Ein echter Immig und doch - auch dank Omnitah - ganz anders als alle Vorgänger-CDs. maz

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