Zwischen Neckar und Alb

Kunst drückt das Erlittene aus

Ausstellung Geflüchtete Jesidinnen aus dem Nordirak präsentieren ihre Werke im Esslinger Landratsamt. Im Rahmen einer Kunsttherapie verarbeiten sie und ihre Kinder traumatische Erlebnisse. Von Simone Lohner

Eine Projektmitarbeiterin der Kunsttherapie (Zweite von links), spricht mit einer Jesidin und Kindern über die Kunstwerke. Foto:
Eine Projektmitarbeiterin der Kunsttherapie (Zweite von links), spricht mit einer Jesidin und Kindern über die Kunstwerke. Foto: Roberto Bulgrin

Es sind Bilder mit Panzern und Soldaten zu sehen. Auf einem Kunstwerk ist ein Camp mit vielen Zelten abgebildet. „Über das Leben“ lautet das Thema der Ausstellung im Esslinger Landratsamt. Die Schau zeigt die Werke von Jesidinnen, die mit ihren Kindern aus dem Nordirak geflohen sind. Im Rahmen einer Kunsttherapie haben die Frauen und ihre Kinder Bilder gemalt, mit Ton Formen gestaltet, genäht oder gewebt. „Wenn Worte fehlen, helfen Bilder - so wird die Kunsttherapie häufig definiert“, erzählt Andrea Werthmann, die Leiterin des Kunstprojekts.

Vor vier Jahren sind rund 100 geflüchtete Frauen mit ihren Kinder aus dem Nordirak in den Landkreis Esslingen gekommen. Die Menschen jesidischen Glaubens werden in ihrer Heimat von Terrormilizen verfolgt. Durch ein Sonderkontingent des Landes Baden-Württemberg wurden rund tausend besonders schutzbedürftige Frauen mit ihren Kindern aufgenommen, in Kommunen untergebracht und seitdem therapeutisch betreut. „Es ist für mich immer noch berührend, wenn ich an den Tag denke, als wir die erste Gruppe jesidischer Frauen und Kinder am Stuttgarter Flughafen abgeholt haben“, sagt Katharina Kiewel vom Landratsamt Esslingen. Die Vergangenheit verstehen, Gegenwart ordnen und Zukunft gestalten, daran habe sich das Projektteam orientiert, erklärt Kiewel.

„Eine Therapie durch Reden hat bei den geflüchteten Jesidinnen und ihren Kindern nicht funktioniert“, erklärt Martin Abel vom Sozialen Dienst Kirchheim. „Dann haben wir die Kunsttherapie gestartet.“ Eine der Geflüchteten ist Jaziya. Im Irak lebte sie in einem kleinen Dorf - auf einem ihrer Bilder hat sie ihren Alltag gemalt: Hühner laufen vor dem Haus umher, Wäsche trocknet an einer Leine, der Himmel ist strahlend blau. Doch nicht nur Motive aus friedlichen Zeiten hat die 39-Jährige mit Acrylfarbe auf Leinwände gebannt. Jaziya und ihre vier Kinder wurden im Irak und in Syrien gefangen gehalten. Ihre Fluchtgedanken gehören zu den Themen, die auf den Bildern zu sehen sind.

Neben der Vergangenheit zeigt die Jesidin auch ein Bild aus der Gegenwart. Darauf ist ein Weihnachtsbaum. Ihr Sohn hätte sich einen Weihnachtsbaum gewünscht, da er den Brauch hier vergangenes Jahr gesehen habe. Inzwischen hat sich einiges getan: „Die Jesidinnen besuchen Sprachkurse, starten eine Ausbildung oder eine Arbeitsstelle. Die Kinder gehen zur Schule“, erzählt Hes Sedik vom Staatsministerium. Vor allem die Kinder würden große Fortschritte machen und seien in den Unterkünften teilweise die neuen Dolmetscher. „Ich habe vor Kurzem ein Foto auf Instagram von einer Jesidin und ihrer Tochter gesehen. Die 13-Jährige war Klassenbeste.“

Mit verschiedenen Materialien haben auch die Kinder Kunstwerke gestaltet, die in der Ausstellung zu sehen sind. „Auszudrücken, was geschehen ist, ohne Worte. Das ersetzt die Worte nicht, hilft aber, sie zu finden“, sagt Andrea Werthmann. „Von der Ohnmacht, vom passiven Erleben zu lebendigem Austausch“, so beschreibt sie die Ausstellung.

Die Kunstwerke sind bis 17. Januar im Landratsamt in Esslingen zu den Öffnungszeiten zu sehen.

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