Zwischen Neckar und Alb

Leben unterm Regenturm

Wohnen Auch wenn Touristen in Haus und Hof kommen und eine Renovierung womöglich das Urheberrecht verletzt – die Bewohner lieben ihre Oase: das Hundertwasserhaus in Plochingen. Von Karin Ait Atmane

Den Regenturm direkt im Blick.
Den Regenturm direkt im Blick.

Das klingt nicht gerade nach einer übersichtlichen Wohnsituation: 64 Wohnungen und 16 gewerbliche Einheiten. Doch genau so empfinden viele der Bewohner die Plochinger Anlage „Unterm Regenturm“, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert. Mancher hat sich mittlerweile regelrecht zum Hundertwasser-Fan entwickelt.

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Ein Ort mit ungewöhnlicher Aussicht ist der Pavillon in dem von Friedensreich Hundertwasser gestalteten Innenhof. Der Blick fällt auf Rasen, einen Teich und Büsche. Um diese Jahreszeit ist die Natur eher grau als grün, doch bunte Fliesen und Säulen bilden Farbtupfer. Vielfalt war bei Hundertwasser Trumpf, die Bewohner sollten gemäß ihrem „Fensterrecht“ ihr Umfeld gestalten können. „Es ist schön, dass es nicht einheitlich ist“, sagt Astrid Bubeck, die Vorsitzende des von den Eigentümern gewählten Verwaltungsbeirats.

Der Innenhof ist Herz der Anlage und Kommunikationsort. Da einige der neun Treppenhäuser nur über den Hof zugänglich sind, begegnet man sich dort. Im kleinen Pavillon finden öfter Bewohnerfeste statt, ein Weißwurstfrühstück oder ein Grillfest. Vor allem aber prägt diese grün-bunte Oase das Wohngefühl.

Klaus Müller lebt über zwei Geschosse im Regenturm und hat einen tollen Rundblick. Trotzdem geht er möglichst oft durch den Innenhof. Besonders gut gefällt es ihm dort im Winter: Wenn es trüb und grau ist, bilden die farbigen Säulen und Fliesenbänder einen fröhlichen Kontrast, eine Art Märchenlandschaft. Im Sommer sei hier die Natur lebendig, findet Michael Bubeck. Seine Frau Astrid merkt an, bei Nebel und Regen kämen „die Farben ganz anders raus - da ist es auch besonders schön“. Sie kennen die meisten, die im Haus wohnen: zuerst die Treppenhaus-Nachbarn, dann die, mit denen sie Blickkontakt übers Fenster oder den Balkon haben. Und irgendwann die anderen. „Die meisten trifft man bei Rewe, später am Abend“, sagt das Ehepaar Bubeck. Ein Supermarkt im Haus hat Vorteile, ebenso die Arztpraxen und Rechtsanwaltskanzleien. Dass im früheren Café jetzt eine Zahnarztpraxis ist, bedauern allerdings alle.

Klaus Müller erinnert sich an die Anfangsjahre, als noch viele junge Paare in Miete hier wohnten und sich öfter mal mit der Weinflasche zuwinkten, worauf man spontan im Innenhof zusammenkam. Nach einem Familienzuwachs seien aber viele Familien weggezogen, was wohl auch an der Größe der Wohnungen liege.

Astrid und Michael Bubeck wohnen seit acht Jahren als Eigentümer im Haus. Weil er eine Gehbehinderung hat, wollten sie möglichst einen barrierefreien Zugang, gerne ein bisschen Grün vor der Tür, aber keinen zu großen Garten. Gleich beim ersten Suchlauf im Internet stießen sie auf ihre Wohnung: „Das war der pure Zufall.“ Als ideal erwies sich, dass ein Aufzug aus der Tiefgarage zu Rewe fährt und ein anderer auf ihre Wohnebene. Die Optik des Hauses war zunächst zweitrangig für das Ehepaar, doch mittlerweile will es nicht mehr darauf verzichten. Im Innenhof „können wir ziemlich abschalten“, sagt Michael Bubeck: Es seit fast wie Urlaub.

Mit den Touristen haben alle kein Problem. Nach Klaus Müllers Empfinden sind es deutlich weniger als in der Anfangszeit. „Wenn man ein Faible für Hundertwasser hat, stören auch die Besucher nicht“, meint Werner Hofbauer, der sich oft mit Besuchern unterhält.

Hofbauer, der sich als „eher technischen Menschen“ bezeichnet, zog vor 18 Jahren als Mieter ins Haus, auch er durch Zufall. Er war schnell begeistert. Als er eine Immobilie zum Kauf suchte, war eine im Haus zu haben: „Da habe ich gleich zugeschlagen.“ Da war er bereits infiziert, hatte sich mit der Philosophie Hundertwassers beschäftigt. „Das hat mir so gut gefallen und mich so beeindruckt“, sagt Hofbauer.

Vor dem Einzug hat er auch im Inneren Elemente im Hundertwasser-Stil umgesetzt. Zuerst flieste er selbst das Gäste-WC, danach machte er mit einem Fachmann zusammen das Bad. Der Handwerker brauchte zwar etwa vier Mal so lange wie normal, doch das war es wert. Es folgten Fliesenbänder in der Küche und im Wohnzimmer, schwarze Türrahmen mit farbigen Türen, eine Säule im Wohnzimmer - die kommt aus der gleichen Produktionsstätte wie die Exemplare draußen im Hof.

Werner Hofbauer hat die Website www.hundertwasserhaus-plochingen.de über die Wohnanlage gestaltet. Rund sechs Monate hat allein die Absprache mit der Hundertwasserstiftung in Wien, die den Nachlass des Künstlers verwaltet, gedauert: „Jede Zeile, jedes Bild, jede Kurve ist genau abgestimmt worden“, sagt er. Grundlegende Änderungen an der Seite nimmt er deshalb nicht vor, aber aktuelle Termine wie die zum Jubiläumsjahr stellt er ein.

Auf seinem roten Sofa im Wohnzimmer ist Hofbauer im Innern ebenso vom Hundertwasser-Stil umgeben wie beim Blick aus dem Fenster. Er hat einen Blick in den Innenhof und auf den Regenturm. Dass der auf Geheiß des österreichischen Meisters genau in diese Ecke gesetzt wurde, freut ihn immer wieder. Den Statikern hat Hundertwasser damit allerdings eine harte Nuss zu knacken gegeben, denn der Turm steht über dem Eingang der Tiefgarage und damit an der labilsten Stelle.

Eine Herausforderung für Handwerker sind Renovierungen. Fliesenleger und Co. müssen die ursprüngliche Gestaltung bewahren und sich folglich über DIN-Normen hinwegsetzen. Die Sache mit dem Urheberrecht sei aber ganz gut „handelbar“, findet Hausverwalter Volker Heß. Hohe Anforderungen stelle das Gebäude in technischer Hinsicht, wegen der Tiefgarage und manchen Gewerbeeinheiten. Durch die Dachgärten habe man zudem etwas mehr Probleme mit Nässe und Undichtigkeit. Aber dass renoviert werden muss, sei nach 25 Jahren normal.

Werner Hofbauer, die Säule hat die gleiche Herkunft wie die draußen im Hof
Werner Hofbauer, die Säule hat die gleiche Herkunft wie die draußen im Hof
Astrid und Michael Bubeck sitzen gerne im Pavillon im Innenhof des Hundertwasserhauses (Bild oben). Werner Hofbauer hat sich zur
Astrid und Michael Bubeck sitzen gerne im Pavillon im Innenhof des Hundertwasserhauses (Bild oben). Werner Hofbauer hat sich zur Verschönerung seiner Inneräume sogar eine stilistisch passende Säule anfertigen lassen.