Zwischen Neckar und Alb

Lehrstellen bleiben Leerstellen

Ausbildung Die Imageprobleme des Handwerks sind ungerechtfertigt, meint Jens Schmitt, Leiter der Kreishandwerkerschaft Esslingen-Nürtingen. Von Simone Weiß

Handwerk hat goldenen Boden, aber kaum Nachwuchs. Viele Betriebe im Kreis suchen händeringend nach Azubis und nach Fachkräften.S
Handwerk hat goldenen Boden, aber kaum Nachwuchs. Viele Betriebe im Kreis suchen händeringend nach Azubis und nach Fachkräften.Symbolfoto: Carsten Riedl

Man sitzt ewig lange unter der Trockenhaube, aber kein Friseur kommt. Die Toilettenspülung ist kaputt, aber kein Installateur hat Zeit. Die Bremsen am Auto quietschen, doch in der Kfz-Werkstatt repariert sie niemand. Man möchte eine Festtorte für einen runden Geburtstag bestellen, aber kein Konditor erfüllt diesen Wunsch. Es ist eine Überspitzung, aber sicher nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Handwerksbetriebe suchen im Kreis Esslingen händeringend nach Nachwuchs und Fachkräften: Kurz vor Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September wurden der Kreishandwerkerschaft nach Angaben ihres Geschäftsführers Jens Schmitt 89 freie Ausbildungsstellen gemeldet. Und da nicht alle Betriebe ihre noch unbesetzten Lehrstellen an den Interessenverband weitergeben, ist die Dunkelziffer nach Ansicht des Experten noch höher.

Ihre Majestäten, der Azubi und der Fachmann, fehlen im Handwerk an allen Ecken und Enden. Zwar kann die Kreishandwerkerschaft steigende Zahlen vermelden: 2018 wurden im Landkreis Esslingen gegenüber dem Vorjahr 7,5 Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen, und trotzdem gilt: Viele Lehrstellen werden zu Leerstellen und bleiben unbesetzt. Die übervollen Auftragsbücher können nur schwer abgearbeitet werden, weil das Fachpersonal dafür fehlt. Im Durchschnitt, so Jens Schmitt, beträgt die Wartezeit auf einen Handwerker 2,3 Monate - von Notfällen abgesehen. Personalmangel - ein Missstand, der sich quer durch alle Gewerke zieht.

Das ist eine Entwicklung, die Jens Schmitt nicht nachvollziehen kann. Denn die uralte Weisheit, dass Handwerk goldenen Boden habe, stimmt seiner Erfahrung nach noch immer - „für Menschen, die Potenzial haben“. Ihnen bietet eine Ausbildung oder Beschäftigung im Handwerk viele Vorteile - eine wohnortnahe Schulung, kurze Anfahrtswege und gute Erreichbarkeit von Ausbildungsbetrieb und Arbeitsstelle, eine familiäre Atmosphäre, Arbeit in einem kleinen Team und sichere Arbeitsplätze, meist unabhängig von konjunkturellen Schwankungen.

Schnelle Aufstiegschancen, Karrieremöglichkeiten und Weiterbildungsangebote gehören nach Angaben des Geschäftsführers zu den weiteren Premiumseiten des Handwerks. Nach der Gesellenprüfung sind Weiterqualifizierungen zum Meister, zum Betriebs- oder Fachwirt im Handwerk möglich. Und da manche etablierte, gut laufende Handwerksbetriebe Probleme mit der Übernahmeregelung und dem Finden eines Nachfolgers haben, ist für einen engagierten Handwerker zudem der Schritt in die Selbstständigkeit eine attraktive Zukunftsperspektive.

Aufpoliertes Image

Dreckig, schlechte Work-Life-Balance, anstrengend, kräftezehrend, sozial inkompatibel wegen der ungünstigen Arbeitszeiten - dieses Image vieler Handwerksberufe kann Jens Schmitt so nicht stehen lassen. „Natürlich sind wir Dienstleister am Kunden, und da ist es nicht immer möglich, pünktlich Feierabend zu machen“, räumt er ein. Doch dann kommt das dicke „Aber“. Das Tätigkeitsfeld hat sich in vielen Handwerksberufen verändert und modernisiert - hier wird mit Smartphones und Tablets gearbeitet. Die technischen Entwicklungen schreiten auch im Handwerk voran, sodass der Einsatz längst nicht mehr so kräftezehrend ist, wie in der Vergangenheit. Und es gibt in vielen Berufen attraktive, alternative Arbeitszeitregelungen als Ausgleich für Einsätze an Wochenenden oder in den Abendstunden. Dennoch betont der Fachmann, dass alle diese Segnungen der Handwerksberufe nur dann greifen, wenn die Grundvoraussetzungen geschaffen, das nötige Know-how erworben und eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen wurde: „Das Tablet kommt erst, wenn die Grundlagen stimmen.“

Jens Schmitt räumt mit einem weiteren Vorurteil auf. Quatsch, meint er energisch, die Hauptschule sei weder Einbahnstraße noch Sackgasse. In der Region Stuttgart wurden 42,8 Prozent der Ausbildungsplätze mit Realschülern, 14,9 Prozent mit Abiturienten und immerhin 30 Prozent mit Hauptschülern besetzt. 4,1 Prozent der Lehrstellen gingen an Menschen mit im Ausland erworbenem Bildungsabschluss, 4,6 Prozent an Personen ohne Schulabschluss. Auch Schülern mit Hauptschulabschluss könne das Handwerk beste Möglichkeiten bieten, so Jens Schmitt. Ebenso Flüchtlingen - doch auch hier müssten die Voraussetzungen mit Blick auf Sprach- und Fachkompetenz stimmen. Daher der Rat des Fachmannes, daran unbedingt zu arbeiten. Und noch einmal wiederholt er seinen leidenschaftlichen Appell für das Handwerk: „Wer will, der kann.“

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