Zwischen Neckar und Alb

Lieber kürzer treten und nicht fliegen

Bewusstsein Das Mörike-Gymnasium in Esslingen nimmt den Klimaschutz ernst. Deshalb soll künftig bei Studien- und Klassenfahrten auf das Fliegen verzichtet und Busse und Bahnen genutzt werden. Von Claudia Bitzer

Schulleiterin Gerda Eller, Lehrerkollege Holger Hartlieb und Schülersprecherin Asmaa Al-Sayed sind sich einig: Um attraktive Aus
Schulleiterin Gerda Eller, Lehrerkollege Holger Hartlieb und Schülersprecherin Asmaa Al-Sayed sind sich einig: Um attraktive Ausflugs- und Studienfahrtziele zu erreichen, braucht man nicht zwingend das Flugzeug.Foto: Roberto Bulgrin

Das Esslinger Mörike-Gymnasium versteht sich als „Partnerschule für Europa“. Und das sind nicht nur große Worte. Dass die Schüler andere Länder, andere Kulturen, andere Gepflogenheiten kennenlernen sollen, ist Schulleiterin Gerda Eller und ihrem Kollegium extrem wichtig. Dass es dafür künftig aber nur noch in den wenigsten Fällen den Flieger braucht, haben sich Lehrer, Schüler und Eltern jetzt gemeinsam auf die Fahne geschrieben. „Wir haben im Sommer in der Gesamtlehrerkonferenz und in der Schulkonferenz Beschlüsse gefasst zur umweltschonenden Durchführung von außerunterrichtlichen Veranstaltungen. Unter anderem verzichten wir bei Studienfahrten auf Flugreisen“, berichtet Eller. Die Anträge kamen in diesem Fall nicht von den Schülern, sondern von der Schulleitung.

Anliegen ernst nehmen

„Wir wollten die Anliegen und Demonstrationen der jungen Menschen ernst nehmen und dort handeln, wo wir selbst es in der Hand haben“, begründet Eller ihre Initiative. Die Mörike-Schüler finden das gut: „Das ist uns auch wichtig“, sagt Schülersprecherin Asmaa Al-Sayed. Schließlich liege ihnen der Klimaschutz nicht nur bei den Fridays-for-Future-Demos am Herzen. Also werden Studienfahrten nach Rom, London oder Wien künftig ausschließlich mit dem Bus oder dem Zug zurückgelegt. „Das haben wir früher ja schließlich auch hinbekommen“, weiß Eller, die selbst erst vor wenigen Wochen mit ihrer Klasse im Bus nach England unterwegs war. Im Endeffekt sei das auch nicht teurer als ein Flug.

Damit nicht genug: Auch für die Entscheidung, welche Ziele bei den Studienfahrten in der Kursstufe künftig angesteuert werden, soll die Klimaneutralität ein wesentliches Entscheidungskriterium sein, heißt es in den Beschlüssen der Gesamtlehrer- und der Schulkonferenz. „Ziele, die möglichst klimaschonend durchgeführt werden können, sind zu bevorzugen.“ Nur noch für den Schüleraustausch in Richtung USA, Irland und Indien steigen die Mörike-Schüler künftig noch in den Flieger.

Damit will das Mörike-Kollegium nicht nur den Schülerprotest gegen den Klimawandel und für klimaschützende Maßnahmen ernst nehmen, sondern auch das eigene Handeln daraufhin überprüfen, „zumal damit auch zentrale Bildungsaufgaben verknüpft sind“, betont Eller. So gelte es, die Schüler auch auf die Wahrnehmung ihrer staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten vorzubereiten und sie dazu zu befähigen, verantwortungsvoll und aktiv eine zukunftsfähige Welt zu gestalten.

Um wieder etwas konkreter zu werden: Auch die jährlichen Klassenausflüge sollen möglichst klimaschonend über die Bühne gebracht werden. Die Ziele sollten sich innerhalb eines Radius von maximal 100 Kilometer um Esslingen befinden und mit den „Öffis“, zu Fuß oder dem Fahrrad erreichbar sein. Und weil es schließlich darum gehen soll, ein gemeinsames Erlebnis zu schaffen, sind auch die gängigen Freizeitparks und Indoorspielplätze aus dem Programm gestrichen. Eller: „Wir wollen ja nicht, dass sich die Klassen den ganzen Tag über in kleine Gruppen aufteilen.“

Nicht nur die Schüler-, sondern auch die Elternvertreter tragen das Paket mit. Doch nicht nur bei den Ausflügen greift ihre Schule das Thema Klimaschutz auf, erzählt Asmaa Al-Sayed: „Wir bekommen auch in den Fächern Erdkunde und Gemeinschaftskunde viel mit.“ Das Bewusstsein habe sich unter den Schülern in den vergangenen Monaten doch deutlich geschärft. „Viele verzichten auf Plastik- und nehmen Stofftaschen.“ Stark im Rennen sind auch die wieder verwendbaren Trinkflaschen.

Dass die Schülerproteste ihre Wirkung auch auf die Politik nicht verfehlen, ist für Holger Hartlieb, Abteilungsleiter für die Fächer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und Wirtschaft, eindeutig belegt. Das zeige sich schon daran, dass die Bundesregierung ihr Klimapaket an einem Freitag präsentiert habe. Wenn sich Mörike-Schüler an Freitags-Demos beteiligen, müssen sie der Schulleitung allerdings schriftlich vorlegen, wo sie sind, denn Schulleiterin Eller stellt klar: „Wir nehmen die Schulpflicht schon ernst.“ Mit einer Bestrafung müssen sie laut Schülersprecherin Asmaa Al-Sayed jedoch nicht rechnen.

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