Zwischen Neckar und Alb

Lustvoll vom Hölzchen aufs Stöckchen

Jubiläum Das Hölderlin-Gymnasium feiert Geburtstag. Entertainer und „HöGy“-Ehemaliger Harald Schmidt plaudert über seine Nürtinger Schulzeit. Von Gaby Weiß

„HöGy - Hölderlin - Harald“: Heimkehrer Harald Schmidt in NürtingenFoto: Gaby Weiß
„HöGy - Hölderlin - Harald“: Heimkehrer Harald Schmidt in NürtingenFoto: Gaby Weiß

Im kommenden Jahr feiert Nürtingen den 250. Geburtstag von Friedrich Hölderlin, der in der Neckarstadt aufgewachsen ist. Das nach dem Dichter benannte Hölderlin-Gymnasium, von den Nürtingern liebevoll „HöGy“ genannt, begeht im selben Jahr seinen 50. Geburtstag und feiert dieses Doppeljubiläum im Schuljahr 2019/2020 mit einem facettenreichen Veranstaltungsprogramm. Zum Mitfeiern war nun als Dritter im Bunde unter dem Motto „Hölderlin - HöGy - Harald“ der nach Hölderlin zweitberühmteste Sohn der Stadt zu Gast: Harald Schmidt. Und der Entertainer, Moderator, Late-Night-Talker, Schauspieler, Kolumnist und Buchautor, der 1977 am „HöGy“ Abitur gemacht hat, sorgte für einen kurzweiligen Abend im großen Saal des Nürtinger K3N.

„Der kommt doch nicht“, wurde „HöGy“-Schulleiterin Beate Selb milde belächelt für ihre Idee, den bekanntesten Ehemaligen zur Feier des Jubiläums einzuladen. Mit Hilfe von Heidi Jüttner, die Harald Schmidt einst in der legendären „HöGy“-Theater-AG unter ihre Fittiche genommen hatte, sich mehr als einmal für den nicht eben mus­tergültigen Schüler eingesetzt hatte und noch immer Kontakt zu ihm hält, gelang die Überraschung. „Binnen kürzester Zeit hat Harald Schmidt ihr zurückgeschrieben: ‚HöGy ist prima‘“, freute sich die Direktorin diebisch über den gelungenen Coup.

Harald, der Mädchenschreck

Wer freilich würde so mutig sein, diesen wortgewandten, nie um eine Antwort verlegenen und mit allen Wassern gewaschenen Showman im Gespräch zu präsentieren? Als promovierte Psychologin, als erfahrene Familien- und Psychotherapeutin und als Coach in Sachen Führungskräfte-Entwicklung verfügt Astrid von Sichart über das Handwerkszeug, diese Aufgabe zu bewältigen. Im „HöGy“ drückte sie einst mit Harald ­Schmidt die Schulbank: „Deshalb bin ich Psychologin geworden“, frotzelte sie. Harald ­Schmidt war der Klassenclown, der zu jedem Unsinn aufgelegte Faxenmacher, und er galt als Mädchenschreck, der für seine Klassenkameradinnen einen Menstruationskalender führte. Diese Geschichte schien dem prominenten Gast bei aller Abgeklärtheit heute dann doch ein bisschen peinlich zu sein - ungewöhnlich schnell schwenkte er an diesem Punkt auf andere launige Anekdoten um. Sehr zur Freude der vielen aktuellen wie ehemaligen „HöGy“-Schüler, die einträchtig mit zum Teil von weit her angereisten Schmidt-Fans im Publikum saßen.

Einst verzierte Harald ­Schmidt Tafel und Klassenbuch mit erigierten Penissen. Was können pubertierende Jungs auch dafür, wenn der in jeder Klasse ernannte „Gerätebeauftragte“ ihre Fantasie belebt? Schmidt erklärte, dass fortan die kleinste Aufregung am „HöGy“ mit dem Ausruf „Schock! Mordsgerät!“ geadelt wurde. Er sei „wahnsinnig gern“ in die Schule gegangen - um seine Wirkung vor Publikum auszutesten, weil er schon mit 14 Jahren wusste, dass er Schauspieler werden wollte. Wobei er kokett zugab, dass die Vorpubertät bei ihm bis heute andauere: „Jetzt habe ich es geschafft, sie kommerziell zu verwerten.“

Schmidt war wahrlich kein Mus­terschüler: Eine Klasse musste er wiederholen, „mindes­tens zweimal“ drohte der Schulausschluss, und der Prüfer im Bio-Abi beschied ihm: „Was Sie g‘wusst hend, war net amol a Sechs.“ Kaum mag man glauben, dass aus diesem Schüler ein studierter Kirchenmusiker und Theaterschauspieler wurde. „Aber wir haben damals noch das elitäre baden-württembergische Hochleistungsabitur gemacht. Heute kann man mit Religion und Handarbeit ein Abi mit Super-Durchschnitt bauen, bei dem man hinterher von nichts eine Ahnung hat“, lenkte er den Blick kritisch ins Hier und Jetzt.

Und weil damals am „HöGy“ „keine einzige Zeile Hölderlin gelesen“ wurde, versetzte Astrid von Sichart Schmidt in Hypnose, um ihn mit Versen des großen Lyrikers zu konfrontieren. Auch wenn ein Harald Schmidt in Trance kaum vorstellbar ist, ließ der sich auf das Spielchen ein und forderte überraschend textsicher, doch bitteschön das wichtige Hölderlin-Komma korrekt mitzusprechen: „Komm, ins Offene, Freund!“

Der Entertainer genoss seinen Auftritt sichtlich. Schlagfertig gab er den lockeren Turboplauderer, der klug beobachtet, messerscharf formuliert, allem einen witzigen Schwung mitgibt und seine Sprüche mit großartigem Gespür für Timing und Tempo serviert.

Lustvoll kam der 62-Jährige vom Hölzchen aufs Stöckchen, vom Empty-Nest-Syndrom über blitzblank gewienerte Schuhe zu Allergie-Listen bei Kindergeburtstagen und seiner Sehnsucht nach den klangvollen Vornamen früherer Jahre: „Jürgen, Dagmar, Dieter, Gabi, ah!“ Und ab und an ließ er auch den „Dirty Harry“ von der Leine, den vielfach preisgekrönten Satiriker, der bitterböse und anarchisch lästert: „Das Paradies wird schnell öde, wir brauchen auch die Hölle, deshalb bin ich heute hier.“ Zum Schluss wurde er dennoch fast ein wenig sentimental, als er von den prägenden Jahren in Nürtingen erzählte und vom „Unterricht in Lebenskunde“ im Café Lorch, wo er den Religionsunterricht schwänzte, auf den Tasten der Registrierkasse einen Tango intonierte und von der Bedienung mit dem Silbertablett verdroschen wurde: „Es waren goldene Zeiten, wie in der ‚Feuerzangenbowle‘.“

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