Zwischen Neckar und Alb

„Man darf sich niemals wegducken“

Politik Vor 30 Jahren wurde der Esslinger Sozialdemokrat Wolfgang Drexler zum ersten Mal in den Stuttgarter Landtag gewählt. Er hat von seiner Arbeit noch lange nicht genug. Von Alexander Maier

Wolfgang Drexler macht nicht nur im Landtag Politik mit Leidenschaft.Foto: Roberto Bulgrin
Wolfgang Drexler macht nicht nur im Landtag Politik mit Leidenschaft.Foto: Roberto Bulgrin

Wer ihm begegnet, spürt sofort: Der Mann hat etwas zu sagen. Und er meint auch, was er sagt. Vor 30 Jahren wurde Wolfgang Drexler zum ersten Mal in den baden-württembergischen Landtag gewählt. Das Credo, das ihn einst in die Politik gebracht hat, treibt ihn bis heute an: „Man darf sich niemals wegducken.“ Das hat der 71-Jährige nie getan. Er hat Farbe bekannt, auch wenn es weh tat - zum Beispiel, als er 2009 Sprecher des Bahnprojekts Stuttgart-Ulm wurde und damit manchen langjährigen Weggefährten vergrätzt hat. Vor allem spricht er unermüdlich für diejenigen, die häufig kein Gehör finden. Das hat ihm bislang sechs Legislaturperioden im Stuttgarter Landtag beschert, obwohl der Esslinger Wahlkreis für die SPD alles andere als leicht zu holen ist.

Mit Willy Brandt fing vieles an

Wolfgang Drexler kam 1966 zur SPD. „Die Reisen mit dem Kreisjugendring nach Polen und Israel haben mich damals politisiert“, erinnert er sich. „Da habe ich gemerkt, dass unsere Geschichte viel bitterer war, als man uns das in der Schule vermittelt hatte. Irgendwann stand ich vor der Entscheidung, ob es nicht sinnvoll wäre, mich für das, was mir am Herzen liegt, in einer Partei zu engagieren. Und da kam nur die SPD in Frage. Wegen Brandt und weil die Sozialdemokraten die Einzigen waren, die mit uns in Esslingen über mehr Jugendhäuser sprechen wollten.“

Politisches und gesellschaftliches Engagement gehen für den Esslinger Hand in Hand: „Ich muss nah bei den Menschen sein, die ich vertreten will. Deshalb hat mich der Bundestag nie gereizt.“ Viel lieber sitzt Drexler im Gemeinderat und im Kreistag - und er beweist als Kommunalpolitiker ein ausgeprägtes Gespür für Themen, die die Menschen bewegen. Das können auch mal scheinbar kleine Problemchen sein - wie die zu niedrig geratene Bank an einer Bushaltestelle, wo der Abgeordnete so lange den Verantwortlichen im Rathaus auf die Zehen tritt, bis sich doch noch etwas bewegt.

Wer seit mehr als 50 Jahren Politik macht und seit 30 Jahren im Landtag sitzt, weiß auch um die veränderten Rahmenbedingungen für die Politik: „Es ist nicht mehr so einfach, unterschiedliche Menschen zu erreichen, weil unsere Gesellschaft heterogener geworden ist.“ Deshalb engagiert er sich auch in Vereinen und Verbänden - früher im Kreisjugendring, heute im Förderverein Nord, beim FC Esslingen oder als Präsident des Schwäbischen Turnerbunds, wo er fast 700 000 Mitglieder vertritt. Und noch etwas hat sich geändert: „Die Kritik, die Politiker oft einstecken müssen, ist härter geworden. Das macht die Arbeit nicht leichter.“ Umso mehr freut er sich, dass die meisten ihm auch dann sachlich begegnen, wenn sie mal nicht mit ihrem Abgeordneten einig sind: „Wenn die Leute spüren, dass man es ehrlich mit ihnen meint, können sie abweichende Meinungen besser akzeptieren.“

Wer in die Politik geht, dreht gerne mal am großen Rad. Dass er auch das beherrscht, hat Drexler unter anderem als Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses bewiesen, aber auch als Landtagsvizepräsident seit 2006 - was erst mit der jüngsten Wahl endete, weil dieser Posten der SPD als viertstärkster Kraft im Landtag nicht mehr zustand. „Ich wäre gerne Vizepräsident geblieben, weil man in diesem Amt gerade junge Leute gut erreichen kann“, gibt Drexler zu. Und noch etwas vermisst er: den Dienstwagen. „Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun“, versichert er. „Wenn man wie ich ständig von Termin zu Termin eilt, ist es sehr hilfreich, wenn man die Fahrten von Ort zu Ort nutzen kann, um im Auto zu arbeiten. Heute muss ich selbst fahren. Das kostet unendlich viel Zeit.“

Doch Drexler hadert nicht. Dass er 1999 den Vorsitz der Landes-SPD übernehmen wollte und Ute Vogt wegen fünf Stimmen unterlag, nimmt er gelassen - zumal viele Genossen inzwischen überzeugt sind, dass die Sozialdemokraten mit ihm an der Spitze erfolgreicher agiert hätten. „Niederlagen gehören nun mal zur Politik“, sagt er. „Wichtig ist, dass man hinterher wieder aufsteht. Man darf nicht nur erklären, dass man verstanden habe, sondern muss das auch durch konkrete Politik beweisen. Wenn die SPD das beherzigt, wird es wieder aufwärts gehen.“

Ans Aufhören denkt Wolfgang Drexler noch lange nicht: „Ich will weitermachen, solange ich das Gefühl habe, dass ich fit genug bin und dass ich etwas für die Leute bewegen kann - und solange mich die Wähler wollen.“ Und wenn jemand genauer nachfragt, fügt er augenzwinkernd hinzu: „Wenn es nach mir geht, ist es meine drittletzte Wahlperiode.“

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