Zwischen Neckar und Alb

Minister mit echtem Angebot gesucht

Streik In Esslingen sind gestern zahlreiche Buslinien ausgefallen. Verdi hatte zur Demonstration aufgerufen. Die Beschäftigten im öffentlichen Dienst fordern sechs Prozent mehr Lohn. Von Peter Dietrich

Mehr als 500 Demonstranten kamen gestern auf dem Esslinger Rathausplatz zusammen - Busfahrer, städtische Bedienstete und Kranken
Mehr als 500 Demonstranten kamen gestern auf dem Esslinger Rathausplatz zusammen - Busfahrer, städtische Bedienstete und Krankenhausmitarbeiter bildeten die Mehrheit.Foto: Peter Dietrich

Gestern wurde in Esslingen ganztägig der Städtische Verkehrsbetrieb bestreikt. Die Fahrgäste nahmen es aber gelassen. Manche hatten zuvor gar nichts vom Streik gewusst oder diesen schon wieder vergessen.

Kurz vor 12 Uhr zog ein lange Schlange mit Flaggen und Trillerpfeifen zum Rathausplatz - die Gewerkschaft Verdi hatte im ganzen Landkreis Esslingen zur Kundgebung aufgerufen. Die anderen DGB-Gewerkschaften erklärten ihre Solidarität. Mario Taccogna, Betriebsratsvorsitzender der Index-Werke, sagte den Beschäftigten im öffentlichen Dienst: „Ihr im sozialen Bereich habt eine große gesellschaftliche Verantwortung, deshalb ist die Erhöhung von sechs Prozent nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wer mal selber Pflege braucht, wird sehr dankbar sein, dass es euch gibt.“

Hauptredner der lautstarken Kundgebung, die fast bis zur Agnesbrücke zu hören war, war Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross. Seine Klage über „kein Angebot für niemanden“ von Arbeitgeberseite wurde mit lauten Buhrufen quittiert. „Die Staatssekretäre kamen in Zeiten voller Kassen mit leeren Händen an den Verhandlungstisch. In der nächsten Runde erwarte ich einen echten Minister mit einem echten Angebot. So gut ging es dem Staat noch nie, seit ich auf der Welt bin.“

Der Maßstab, so Gross weiter, dürfe nicht die reichste oder ärmste Stadt sein, sondern der Durchschnitt. Wer als Mitarbeiter die „besten Leute“ wolle, bekomme eben auch welche mit Rückgrat. Genüsslich erinnerte Gross die andere Seite an ihr ständiges Reden vom Markt: „Jetzt gelten die Marktgesetze für uns. Es ist leichter, zu verhandeln, wenn die Fachkräfte knapp werden. Wenn etwas knapp wird, steigt der Preis, und dieser Preis ist das Gehalt.“ Wa­rum fordert die Gewerkschaft für die unteren Lohngruppen mindestens 200 Euro mehr? „Weil man mit unterem und mittlerem Einkommen die Miete nicht bezahlen kann.“

Der öffentliche Dienst müsse mit der Privatwirtschaft um Nachwuchskräfte konkurrieren, betonte Gerhard Frank, Vorsitzender des DGB-Kreisverbands Esslingen-Göppingen: „Euer Streik ist ein Beitrag zur Problemlösung in einer reichen Gesellschaft.“ Die Steuerverteilung, forderte er, müsse zugunsten der Kommunen verändert werden.

Nach den Ansprachen berichteten einige Arbeitnehmer aus der Praxis. Holger Borgas, seit 1989 in der Pflege tätig, erzählte von der Nachtwache, alleine mit 30 oder 40 Patienten und womöglich noch mit Neuaufnahmen. „Manche Kollegen kommen da morgens heulend raus.“ Die Personalratsvorsitzende Astrid Happel berichtete, was passieren kann, wenn Stellen nicht besonders attraktiv und Bewerber sehr knapp sind: „Manche Stellen müssen wir zwei- bis dreimal ausschreiben.“ Auch eine Auszubildende kam zu Wort, berichtete von teuren Mieten und dem bangen Geldzählen, ob es für den geplanten Urlaub reicht. Für die Auszubildenden fordert Verdi 30 Tage Urlaub und monatlich 100 Euro mehr.

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