Zwischen Neckar und Alb

Mit 92 noch fit wie ein Turnschuh

Sport Alfred Meyer läuft dreimal pro Woche 15 Kilometer, und seinen ersten Marathon rannte er mit 62 Jahren. Sein Credo dabei lautet: „Bewegung macht mich innerlich frei.“ Von Harald Flößer

Opa Fred, Sohn Peter und die zwei Enkel beim Stuttgart-LaufFoto: oh
Opa Fred, Sohn Peter und die zwei Enkel beim Stuttgart-LaufFoto: oh

Auf seiner Laufstrecke von der Egelseer Heide bei Rotenberg bis zum Jägerhaus auf Esslingens Höhen kennt Alfred Meyer so gut wie jeden Stein. Seit mehr als zehn Jahren ist er dreimal pro Woche unterwegs, hin und zurück jeweils 15 Kilometer. Selbst für einen jungen Läufer ist das schon eine gute sportliche Leistung. Aber wenn einer wie Meyer diese Distanz als Jogger bewältigt, verdient das besondere Anerkennung. Denn er wird Ende Mai 93 Jahre alt. Und er hat eine außerordentliche Sportlerkarriere hinter sich. „Mit 62 bin ich meinen ersten Marathon gelaufen“, erzählt der rastlose Senior aus Untertürkheim. Seinen letzten Halbmarathon (20,1 Kilometer) absolvierte er 2006 mit 81 Jahren.

Meyer kommt mit seiner schlanken Figur daher wie ein Junger: 1,75 Meter groß, 68 Kilo schwer. „Früher war ich mal 1,80“, sagt er mit verschmitztem Lächeln. Er ist dankbar, dass er mit einer außergewöhnlich guten Gesundheit gesegnet ist. Doch, eine Krankheit habe er, scherzt er: „Schwindsucht im Geldbeutel.“ Dass er „pumperlgsund“ ist, bescheinigt ihm immer sein Sohn Peter, ein niedergelassener Orthopäde. Als Meyer vor fünf Wochen mit eingeklemmtem Ischiasnerv zu ihm in die Praxis in Nürtingen kam, grinste der Filius nur und sagte ihm: „Vater, du kannst nichts falsch machen. Lauf weiter!“ Genau das wollte Meyer hören. Denn ihm ist klar: „Ohne meinen Sport wäre ich nur ein halber Mensch. Mir würde zu Hause die Decke auf den Kopf fallen.“

Auf dem Sprung in die Oberliga

Als Jugendlicher hatte Alfred Meyer in Görlitz eine Lehre als Werkzeugmacher absolviert. Dann kam der Krieg: drei harte Jahre bei der 1. Fallschirmjägerdivision, wo er schon durch seine körperliche Fitness auffiel. Nach dem Krieg entwickelte sich Fred, wie ihn alle nennen, im hessischen Bad Hersfeld zu einem hervorragenden Fußball-Torwart. Rudolf Haaga vom VfB Stuttgart, der damals Spielertrainer der Sportgemeinde Hersfeld war, hielt Meyer für fähig, sogar in der höchsten Fußball-Klasse, der Oberliga, seinen Mann zu stehen. In einem Empfehlungsschreiben stellte er dem damals 22-Jährigen ein hervorragendes Zeugnis aus: Er sei „katzengewandt und reaktionsschnell“. Haaga: „Es ist schade, dass Meyer noch nicht zu höheren Aufgaben herangezogen wurde.“ Auch an seiner persönlichen Eignung habe er keinerlei Zweifel: Er sei „absolut charakterfest“. Fred machte sich 1949 auf nach Stuttgart, bekam dort bei Daimler einen Job, aber den Sprung in die Oberliga traute er sich nicht zu. In der 1. Amateurliga, eine Klasse darunter, spielte Meyer jahrelang eine tragende Rolle. Auch später im erfolgreichen AH-Team zählte Fred zu den Stützen der Mannschaft. Was den 92-Jährigen noch heute freut: „Der VfB hatte mal ein Jahr lang kein Spiel verloren. Wir haben sie 9:1 geschlagen.“

Angestachelt durch seinen 14 Jahre jüngeren Bruder Herbert kam Fred nach seiner Fußballer-Zeit zur Leichtathletik. 1962 erwarb er erstmals das Sportabzeichen. Bis 2011 verging kein Jahr, in dem er sich nicht schindete, um erneut ausgezeichnet zu werden. Das Laufen zählte schon immer zu Meyers Lieblingsdisziplinen. Und je älter er wurde, desto größer wurden die Distanzen. In München trat der Untertürkheimer 1987 zu seinem ersten Marathon an. Die Urkunde hat er wie alle anderen in einem seiner vielen Ordner aufbewahrt. Nach drei Stunden und 47 Minuten lief Meyer bei seinem Debüt ins Ziel.

New-York-Marathon - eine Qual

Es folgten rund ein Dutzend weitere Marathons und Halbmarathons. Unvergesslich ist für ihn der Lauf in New York, wo er mit 4:07:18 gestoppt wurde. „Der Lauf war eine Qual“, erinnert er sich. „Mein rechter Schuh war voller Blut.“ An einer Naht im Inneren des Laufschuhs war das Futter abgegangen. Trotzdem hat er sich durch die gut 42 Kilometer gekämpft.

Schöne Erlebnisse hatte Alfred Meyer auch bei den Stuttgart-Läufen. 2006 belegte er beim Halbmarathon mit 2:37:21 den 1. Platz in der Altersklasse M 80. Fast noch mehr hat ihn das Lob von Ex-Olympiasieger Dieter Baumann gefreut: „Ich ziehe den Hut vor dir.“ Ein weiterer Höhepunkt seiner Lauf-Karriere war 2016, als er in Stuttgart zusammen mit seinem Sohn Peter (54) und seinen beiden Enkeln Cedric (20) und Dominik (34) durchs Ziel lief. Wie schafft man es, mit fast 93 noch so fit zu sein? Alfred Meyer braucht nicht lange zu überlegen. Er sei Zeit seines Lebens in allem diszipliniert gewesen. Sein Tag beginnt sehr früh, zwischen 5.30 und 6 Uhr. Nach dem Mittagessen macht er ein Schläfchen. Und nicht viel später als um neun geht er ins Bett. Feste Abläufe pflegt er auch im Sport. Vor jedem Trainingslauf isst Meyer eine Banane und trinkt ein Glas Sprudel. Bevor er losjoggt, macht er zehn Minuten Gymnastik.

„Ich hatte ein sehr erfülltes Leben“, sagt der Senior. Seine Ausgeglichenheit führt er auch auf ein intaktes Familienleben zurück - und auf seinen geliebten Sport, den er nie missen möchte. „Bewegung macht mich innerlich frei.“

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