Zwischen Neckar und Alb

Mit Carbon in neue Märkte vorstoßen

Wirtschaft Forschungsprojekt für einen neuen Leichtbauwerkstoff bei Hänchen in Ostfildern zahlt sich aus. Innovationspreis des Landkreises hat dem Unternehmen einen Schub gegeben. Von Harald Flößer

Von links: Markus Grupp, Wirtschaftsförderer des Kreises, Firmenchefin Tanja Hänchen, Landrat Heinz Eininger, Entwicklungschef K
Von links: Markus Grupp, Wirtschaftsförderer des Kreises, Firmenchefin Tanja Hänchen, Landrat Heinz Eininger, Entwicklungschef Klaus Wagner und Marketing-Leiterin Sarah Bässler.Foto: Roberto Bulgrin

Neben der normalen Arbeit über vier Jahre ein aufwendiges Forschungsprojekt zu stemmen, ist für ein mittelständisches Unternehmen mit 200 Beschäftigten ein Kraftakt. „Viel Blut, Schweiß und Tränen“ habe das gekostet, sagt Tanja Hänchen, die Geschäftsführerin der Herbert Hänchen GmbH & Co. KG. Doch die Mühen haben sich gelohnt: Für die Entwicklung eines Leichtbau-Hydraulikzylinders aus Carbon erhielt die in Ostfildern-Ruit ansässige Firma 2015 den Innovationspreis des Landkreises Esslingen. Die Kombination von neuen Technologien und Auszeichnung hat dem Unternehmen insgesamt Schwung gegeben. Es sei gelungen, in neue Märkte vorzustoßen, berichtet Marketingleiterin Sarah Bässler. Deswegen kann sie andere Firmen nur ermutigen, sich einem solchen Wettbewerb zu stellen.

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Preis soll Pioniergeist fördern

Landrat Heinz Eininger hört diese Erfolgsgeschichte gerne. Innovation sei wichtiger denn je, sagte er gestern, als er bei Hänchen die achte Runde des seit 2003 ausgeschriebenen Preises einläutete. Mit dem Wettbewerb sollen Erfindungsreichtum, Pioniergeist und Mut zu ungewöhnlichen Leistungen gefördert werden. Außerdem sei es wichtig, ein branchenübergreifendes Netzwerk von innovativen Unternehmen anzustoßen.

Der Werkstoff Carbon ist mittlerweile in vielen Industriezweigen unverzichtbar geworden. Doch im Maschinenbau herrsche gegenüber Carbon nach wie vor eine gewisse Skepsis, berichtet Firmenchefin Tanja Hänchen. Die meisten Komponenten im Maschinenbau seien noch ganz klassisch aus Stahl gefertigt. Universell einsetzbar gebe er ein Gefühl von Sicherheit. Der Werkstoff sei bewährt und vertraut. Doch mit einem Verbund aus carbonfaserverstärktem Kunststoff (CFK) und Komponenten wie beispielsweise Metallen seien Konstruktionen möglich, die viele Vorteile bieten. Carbon habe nicht nur 70 Prozent weniger Gewicht, er ermögliche auch mehr Dynamik und eine größere Beschleunigung, erklärt Klaus Wagner, Entwicklungsleiter bei Hänchen. Durch die geringere Masse benötige man zudem 50 Prozent weniger Energie. Unterm Strich sei Carbon sogar billiger als nicht rostendes Metall.

In vierjähriger Forschungsarbeit ist es in Ruit gelungen, mit dem H-CFK nicht nur einen neuen Werkstoff herzustellen, sondern ihn auch für neue Technologien einzusetzen. Das sind zum einen hochfeste Verbindungen zwischen Carbon und Metall. Daneben wird H-CFK für runde Bauteile eingesetzt, die in drei Dimensionen hochbelastbar sind, erklärt Entwicklungschef Wagner. Drittens könne man damit eine harte, druckdichte und verschleißfeste Oberfläche herstellen. Ursprünglich war der carbonfaserverstärkte Kunststoff nur für den Einsatz bei Kolbenstangen und Hydraulikzylindern gedacht. Doch ist das nur ein kleines Feld von möglichen Anwendungen. Mit CFK können beispielsweise auch nicht rostende und leichte Leitungsrohre für Wasser, Emulsionen und Öle hergestellt werden. Auf diese Weise ließen sich beispielsweise auf Schiffen Nutzlasten erhöhen. In industriellen Anwendungen können Stangen aus Carbon mit passenden Verbindungsenden zur Befestigung von Werkstücken oder als Stütze in einem Tragwerk verwendet werden. Für die Herstellung von Stützrohren aus Carbon hat Hänchen ein Wickelverfahren entwickelt, das bei der Produktion ohne metallischen Kern auskommt. So lassen sich große und lange Bauteile kostengünstig herstellen.

Bei Hänchen setzt man große Hoffnungen in den Carbon-Verbundwerkstoff. Für die Wickelmaschine wurde eine eigene Fertigungshalle geschaffen. Und man hat drei weitere Mitarbeiter eingestellt. Der Innovationspreis habe bei den Beschäftigten einen Motivationsschub ausgelöst, so Marketing-Leiterin Bässler. Nicht zuletzt deshalb, weil sich die Firmenleitung entschlossen hat, das Preisgeld von 30 000 Euro an alle Mitarbeiter zu verteilen.

Innovationspreis: Bewerbungsunterlagen gibt es im Landratsamt, bei den Städten und Gemeinden und im Internet unter www.innovationspreis-es.de. Bewerbungsschluss ist am 10. Juli. Preisverleihung ist am 21. November.