Zwischen Neckar und Alb

Nachbarn haben oft die Nase vorn

Ranking Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat untersucht, wie der Landkreis Esslingen im Vergleich mit Nachbarlandkreisen dasteht. Von Greta Gramberg

Bauarbeiten in der Wollspinnerei: Im Kirchheimer Süden entsteht ein neues Wohnquartier.Foto: Markus Brändli
Bauarbeiten in der Wollspinnerei: Im Kirchheimer Süden entsteht ein neues Wohnquartier.Foto: Markus Brändli

Platz 68. So wertet das Regionalranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) den Kreis Esslingen im Vergleich mit allen 401 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland, wenn es um den wirtschaftlichen Erfolg geht. Auf höheren Rängen in der Region landen die Stadt Stuttgart (Platz 21) und die Kreise Böblingen (22) und Ludwigsburg (48). Experten ordnen die Ergebnisse ein.

Steht der Kreis Esslingen schlecht da?

Nein, im Bundesvergleich ist der Landkreis schließlich immer noch im oberen Viertel der 401 Plätze. „Insgesamt ist der Landkreis Esslingen sehr gut aufgestellt“, sagt Vanessa Hünnemeyer, eine der Autorinnen der Studie. Sie und Co-Autor Hanno Kempermann haben die 401 Landkreise anhand ihres wirtschaftlichen Erfolgs - Kaufkraft und Arbeitslosigkeit - ver­glichen und 14 Indikatoren aus den Bereichen Wirtschaftsstruktur, Arbeitsmarkt und Lebensqualität ausgemacht, die bedeutenden Einfluss darauf haben. 2019 betrug die Kaufkraft im Landkreis nach Angaben der Industrie- und Handelskammer 7 786 Euro pro Kopf, die Arbeitslosenquote lag laut Agentur für Arbeit bei 3,2 Prozent.

Wie ist es um die Wirtschaftsstruktur bestellt?

Laut IW-Ranking ist die Steuerkraft der Gemeinden dafür ein entscheidender Indikator. Mit 1 215 Euro pro Einwohner erreicht der Landkreis Rang 36. „Der Kreis Esslingen hat durchaus eine starke Wirtschaftsstruktur“, sagt Hünnemeyer. In der unteren Hälfte der Rangliste steht er dagegen beim Gewerbesaldo, der Differenz aus Gewerbean- und -abmeldungen je 1 000 Einwohner. Sie liegt bei null. Das bedeutet, dass die Unternehmensbasis nicht wächst, was Hünnemeyer bedenklich findet, „weil so die Gefahr besteht, dass die gemeindliche Steuerkraft abnimmt“. In der Gesamtwertung der Wirtschaftsstruktur rangiert der Landkreis mit Platz 75 hinter Stuttgart (12), Böblingen (24) und Ludwigsburg (47).

Woran liegt das?

Dass der Kreis Esslingen im Ranking etwas niedriger eingruppiert ist, will Christoph Nold, Geschäftsführer der IHK Bezirkskammer Esslingen-Nürtingen „nicht überdramatisieren“. „Signifikant anders als in den Nachbarlandkreisen ist die Wirtschaftsstruktur nicht“, sagt er. Zumal meist geringe Unterschiede bei den Einzelwerten einige Plätze ausmachten. Stärker ausgeprägt als in anderen Teilen der Region sei die Bedeutung von Maschinenbau und Automobilindustrie. Diese Branchen sorgten seit Jahrzehnten für Wohlstand. Doch wenn es wie zuletzt nicht mehr ganz so gut läuft, zeige sich das im Kreis Esslingen stärker, als etwa im Kreis Ludwigsburg, wo auch andere Branchen stärker vertreten seien.

Wie steht es um den Arbeitsmarkt?

Auch hier liegt der Kreis Esslingen im IW-Ranking mit Platz 40 hinter Stuttgart, Böblingen und Ludwigsburg. Das liegt daran, dass laut Studie das Verhältnis von Jüngeren zu Älteren niedriger ist, ebenso der Anteil der Hochqualifizierten am Personal. Das hält Bettina Münz, stellvertretende Leiterin der Agentur für Arbeit Göppingen, allerdings nicht für dramatisch. Wichtiger ist ihr, zu vermeiden, dass Menschen ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung dastehen.

Und wie lebt es sich im Landkreis?

Bei der Lebensqualität schneidet der Kreis Esslingen auf Rang 118 besser ab als Stuttgart und Ludwigsburg. Kritisch sieht Hünnemeyer, dass es unter den 30- bis 50-Jährigen mehr Ab- als Zuwanderung gibt, damit einher gehe Kaufkraftverlust. Nur Stutt- gart schneidet bei diesem Indikator noch schlechter ab. Im Ballungsgebiet gebe es wenig Wohnraum, der zudem teuer sei, sagt Markus Grupp, Wirtschaftsförderer des Landkreises. Wer eine Familie gründe, ziehe weiter in die Peripherie. Der Landkreis habe eine Initiative für mehr Wohnraum gestartet. Doch für große Bauprojekte brauche es einen langen Atem.

Wo gibt es außerdem Verbesserungsbedarf?

In den kommenden Jahren sei die Standortpolitik von noch größerer Bedeutung, meint Christoph Nold von der IHK: Studien zeigten, dass wieder mehr Firmen weg- als herzögen. Mit den Lohnkosten in Asien könne die Region nicht konkurrieren, weshalb andere Standortfaktoren verbessert werden müssten. Nold wünscht sich interkommunale Zusammenarbeit. Als Positivbeispiel nennt er den gemeinsamen Breitbandausbau in der Region. Autorin Hünnemeyer lobt das Projekt des Landkreises, der die Straßenmeisterei mit Wasserstoff antreiben will, und schlägt ein Konzept für eine E-Ladeinfrastruktur vor - das bereits ausgearbeitet wird. „Es hat eine positive Wirkung für die Region als Automobilstandort, die Verkehrswende regional sichtbar zu machen.“

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