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„Nachhaltigkeit ist kein Modetrend“

Finanzen Der Investment-Experte Ingo Speich erklärt in Nürtingen, worauf es bei einer nachhaltigen Kapitalanlage ankommt. Hauptversammlungen sind eine gute Plattform. Hier hört der ganze Vorstand zu. Von Henrik Sauer

Kapitalanlage sorgt für Gesprächsstoff: Monika Reif, Ingo Speich und Wolfgang Mauch (von links)Foto:  Jürgen Holzwarth
Kapitalanlage sorgt für Gesprächsstoff: Monika Reif, Ingo Speich und Wolfgang Mauch (von links). Foto: Jürgen Holzwarth

Immer mehr Leute achten bei der Geldanlage auch auf ökologische und ethische Gesichtspunkte. Der Investment-Experte Ingo Speich ist bei der Fondsgesellschaft Union Investment für dieses Thema verantwortlich. Bei einer Veranstaltung der Volksbank Kirchheim-Nürtingen in der Stadthalle in Nürtingen sprach er darüber, was eine nachhaltige Kapitalanlage ausmacht.

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Eine wachsende Zahl von Anlegern achte darauf, dass ihr Geld an der richtigen Stelle eingesetzt werde, berichtete Monika Reif, Bereichsleiterin Private Banking bei der Nürtinger Volksbank. Sie sind dafür auch bereit, auf Gewinn zu verzichten, der um jeden Preis entstehe. So ist die Nachfrage nach nachhaltigen Geldanlagen 2016 um 14 Prozent gewachsen. Bei Investmentfonds sei der Anteil nachhaltiger Fonds bundesweit auf 23 Milliarden Euro gestiegen, das entspreche einem Zuwachs von elf Prozent. „Nachhaltigkeit ist kein Modetrend mehr“, so Reich.

Aber wann ist eine Kapitalanlage nachhaltig? Ingo Speich nennt drei Punkte: Umwelt, Soziales und eine verantwortungsvolle Unternehmensführung. Der 41-Jährige leitet das Team „Nachhaltigkeit und Engagement“ bei Union Investment. Acht Leute nehmen dort die finanziellen Beteiligungen unter diesen Aspekten unter die Lupe. Die Frankfurter Investmentgesellschaft bezeichnet sich als Marktführer bei nachhaltigen Anlagen. Seit 1995 beschäftige man sich damit. „Wir verzeichnen auch hier Wachstum“, sagte Speich.

Was in die Bewertung der Analysten einfließt, verdeutlichte er am Beispiel einer Nuss-Nugat-Creme: Einer der Hauptbestandteile, Palmöl, verursache in den Anbaugebieten in Malaysia und Indonesien massive ökologische Probleme. Palmöl stecke in vielen Produkten und werde wegen seiner Eigenschaften und des günstigen Preises geschätzt. Doch würden für die Plantagen große Flächen Regenwald gerodet, Pestizide und Kunstdünger belasteten die Umwelt. Unternehmen, die Palmöl verwenden, würden daher von den Analysten kritisch hinterfragt.

Die begutachteten Firmen oder Staaten durchliefen eine Art Filter, an dessen Ende das Prädikat „bevorzugt“, „akzeptabel“ oder „Ausschluss“ stehe, erläuterte Speich. Ein Ausschlusskriterium sei zum Beispiel die Nichteinhaltung von Arbeitsstandards wie Arbeitssicherheit, Chancengleichheit oder faire Bezahlung, so der Fondsmanager. Ein Verstoß führe dazu, dass das Unternehmen aus dem Nachhaltigkeits-Portfolio der Frankfurter Investmentgesellschaft genommen werde. Weitere Ausschlusskriterien seien Nuklearenergie, Rüstungsgüter oder Kohleförderung. Bei Staaten sind es undemokratische Regime, die Todesstrafe, eingeschränkte Glaubensfreiheit, ebenfalls Nuklearenergie oder ein hoher Korruptionsgrad.

Nachhaltigkeit erweitere das magische Dreieck der Kapitalanlage mit den Zielen Rendite, geringes Risiko und Liquidität um eine vierte Dimension, so Speich. Würden soziale, ökologische und ethische Grundsätze eingehalten, könne dies einen Vorteil bei Risiko und Ertrag bedeuten. „Nachhaltigkeit ist nicht gleichzusetzen mit Renditeverzicht“, sagte der Investmentexperte und belegte dies an der Entwicklung zweier nachhaltiger Fonds seiner Gesellschaft.

Es braucht aktive Mitsprache

Speich - der gern auch als „Schrecken der Hauptversammlungen“ bezeichnet werde, so Monika Reich - sagte, zu den Aufgaben seines Teams gehöre auch, Einfluss auf die Geschäftspolitik zu nehmen: „Veränderung erfordert eine aktive Mitsprache.“ Hauptversammlungen seien ein gutes Mittel, Nachhaltigkeitsthemen zu transportieren, ermunterte er die Zuhörer, dies auch in Erwägung zu ziehen: „Da hört der ganze Vorstand zu.“ Speich berichtete auch von Besuchen vor Ort bei den Zulieferern großer Konzerne: „Wir sprechen mit den Menschen und erkundigen uns zum Beispiel, wie es mit den Arbeitsbedingungen aussieht, wenn wir nicht da sind.“

Wolfgang Mauch, der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Kirchheim-Nürtingen, betonte, dass das Geschäftsmodell der Volksbank seit jeher nachhaltig ausgerichtet sei: „Das Geld kommt aus der Region und bleibt in der Region, auch das ist ein Zeichen von Nachhaltigkeit.“