Zwischen Neckar und Alb

Narren erklären Flüchtlingen die Fasnet

Schnellkurs im Vereinsheim in Neuhausen soll Kulturschock vorbeugen

Die Fasnetzeit könnte manchem Flüchtling einen Kulturschock versetzen. Der Narrenbund Neuhausen beugt vor: Ehrenpräsident Hans Siegl und weitere Mitglieder erklärten den neuen Einwohnern, was sie in der närrischen Zeit – frei übersetzt mit „crazy time“ – erwartet. Ein paar Verhaltensregeln gab’s auch dazu.

Hans Siegl (am Fenster, Mitte), Ehrenpräsident des Narrenbunds, erläutert Asylbewerbern die Fasnet-Tradition. Foto: Karin Ait At
Hans Siegl (am Fenster, Mitte), Ehrenpräsident des Narrenbunds, erläutert Asylbewerbern die Fasnet-Tradition. Foto: Karin Ait Atmane

Neuhausen. Wilde Gestalten, die mit Mädchen Schabernack treiben, viel Alkohol und ausgelassenes Feiern: Wer die Fasnet noch nie erlebt hat, könnte erschrecken oder auf dumme Gedanken kommen. Beides muss nicht sein, meint man beim Narrenbund Neuhausen. Darum warten der Ehrenpräsident und weitere Würden- und Hästräger in ihrem Vereinsheim auf die Gäste aus dem Flüchtlingszelt beim Stadion.

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Helmut Meixner, Karin Eisele und weitere Mitglieder des Freundeskreises WiN (Willkommen in Neuhausen) begleiten die jungen Männer, die mit ebenso fragenden wie erwartungsvollen Gesichtern eintreffen. Mit den Nachzüglern, die noch kommen, drängen sich gut 50 Besucher im Raum. Die Scheiben der Sprossenfenster laufen an. Zwei der Männer wollen von Englisch in Arabisch beziehungsweise Farsi übersetzen. Nur ihr Deutsch reicht noch nicht, weshalb kurzerhand Karin Eisele auserkoren wird, die Erklärungen von Hans Siegl auf Englisch wiederzugeben.

Zunächst aber gibt es kräftig Beifall für den Ehrenpräsidenten und später für die anderen Aktiven, die sich zeigen. Dass die Fasnet im Ort schon an die 500 Jahre Tradition hat, dass der Narrenbund mit seinen 15  Maskengruppen und rund 1 600 Mitgliedern aktuell 50 Jahre besteht und die Festivitäten deshalb noch etwas größer ausfallen als sonst – das erfahren die Gäste in dreifacher Übersetzung.

Und sie bekommen dann vor Augen geführt, was vorher im Treppenhaus gescheppert hat: Ein Schellen-Peter steigt auf einen Stuhl, ein anderer hüpft auf dem Boden. Karin Eisele erklärt das Häs und den Namen dazu, der vom ganzen „Publikum“ lauthals wiederholt wird, beinahe wie ein Narrenruf: „Schellen-Peter!“ Großes Hallo ruft auch die sogenannte Wildsau hervor, gefolgt von Wappenlöwe, Bierwecken, Clown, Mooscht Male und Egelseegeist, dessen weiß wallendes Haar zum Anfassen verleitet. Aber Achtung: Niemals einem Narren die Maske vom Gesicht ziehen! Das ist absolut tabu, lernen die Flüchtlinge. Eigentlich sei es nicht einmal korrekt, dass die Masken schon einige Tage vor dem Abstauben gezeigt werden, gesteht Hans Siegl.

Die jungen Männer aus dem Iran und Irak, aus Afghanistan, Syrien und weiteren Ländern haben ihre Freude an den Gestalten. Handyfotos werden gemacht, manch einer bekommt auch schon die Haare zerzaust oder ein „Buh!“ ins Gesicht geschleudert. Die Fasnetschüler lernen, dass Männer wie Frauen in Häs und Larve stecken und dass beim großen Umzug auch Tanzmädchen in sehr kurzen Röcken unterwegs sein werden. Für Deutsche sei das ganz normal, erklärt Karin Eisele, Menschen aus anderen Kulturen könne es vielleicht seltsam vorkommen.

„No problem!“, winkt ein Afrikaner ab, und die anderen lachen ganz entspannt. Anschauen ist erlaubt, anfassen nicht, heißt die Botschaft auch in diesem Fall. Zum Abschluss bekommen alle noch eine Warnung in Sachen Alkohol, mit dem auch nicht alle Einheimischen umzugehen verstehen.

Mit betrunkenen Zeitgenossen sollte man vorsichtig sein, besonders, wenn sie aggressiv wirken, raten die Neuhausener Narren ihren Gästen. Die Flüchtlinge nicken und verabschieden sich in gelöster Stimmung. Sie sind ziemlich gespannt auf die kommenden Wochen – und auf Einiges gefasst.