Zwischen Neckar und Alb

Naturtheater im Glanze des Sonnenkönigs

Premiere Die Grötzinger Laienspielschar gibt dem Klassiker „Der Mann mit der eisernen Maske“ von Alexandre Dumas neuen Pfiff. Von Nicole Mohn

Ludwig, der Sonnenkönig, hält Hof im Grötzinger Naturtheater.Foto: Nicole Mohn
Ludwig, der Sonnenkönig, hält Hof im Grötzinger Naturtheater.Foto: Nicole Mohn

Bedrohliche Trommeln, dramatische Musik. Im Gleichschritt stampfen die ganz in Schwarz gekleideten Männer durch den Kies. Exerzieren für ihn, den leuchtenden Sonnenkönig, der auf der Spitze der Pyramide Hof hält. Einen wahrhaft bildstarken Auftakt liefert das Naturtheater Grötzingen bei der Premiere von Dumas „Der Mann mit der eisernen Maske“.

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Direkt hineinkatapultiert werden die Zuschauer in den Pomp des Barocks, hinein in das Dickicht von Intrigen und Verschwörungen am Hofe, in ein Reich, das Ludwig mit eiserner Hand regiert. Wahrheit und Fiktion hat Alexandre Dumas zu einem spannenden Abenteuer der Musketiere D’Artagnan, Porthos, Aramis und Athos verdichtet. Den „Mann mit der eisernen Maske“ soll es zu Zeiten Ludwig XIV. wirklich gegeben haben. Er greift für seinen Roman eine der gängigsten Thesen auf: Ludwig soll hinter der Maske seinen eineiigen Zwilling Philipp verborgen haben. Um Frankreich von der Regentschaft Ludwigs zu befreien, der für seine rauschenden Feste immer mehr Steuern aus seinem hungernden Volk zu pressen versucht, plant Aramis zusammen mit dem Oberintendanten Fouquet, Philipp zu befreien und gegen Ludwig auszutauschen.

Großer Pomp, Waffengeklirre und actionreiche Kampfszenen, dazu amouröse Verstrickungen und politische Ränke: Die Inszenierung unter der Regie von Rob Doornbos bringt alles mit, was man von einem guten Mantel-und-Degen-Abenteuer erwarten darf. Dabei gelingt dem Gastregisseur die Kunst, sich von den Klischees und allgegenwärtigen Bildern, die das Publikum von diversen Dumas-Verfilmungen ohne Frage im Kopf hat, abzuheben. Immer wieder schafft Doornbos in seiner Adaption, die Erwartungen zu durchbrechen: Seine Bastille-Wächter sind Amazonen in Gothic-Kostümen, die mit schrillem Make-up und Perücken peitschenknallend das Regime über das Verlies führen. Die Garde trägt schwarze Kapuzen-Sweater mit dem Sonnensymbol, das auch die Pyramide des Königs ziert.

Auf einem zentralen Podium an der Umrandung der Bühne, ganz nah an den Zuschauern, lässt Doornbos Joannis Skempes als Ludwig XIV. Hof halten. Hier messen Fouquet (Daniela Kästner) und Colbert (Kerstin Schürmann) verbal ihre Kräfte. Ebenso beherrscht Doornbos die großen Gesten und Bilder, setzt Skempes als Sonnenkönig mit Feuerfontänen und Pomp in Szene.

Joannis Skempes besticht in der Rolle des so inszenierten Sonnenkönigs. Er verschmilzt förmlich mit der Rolle des machtgierigen und egomanischen Ludwig XIV. Gestik, Mimik, Gang und Posen - alles ist auf dem Punkt. Die königliche Garde um D’Artagnan (Vivek Sehra) verwandelt sich mit ihrem synchronen Auftreten und sprechchorartigen Texten zu einer nahezu gesichtslosen, unbarmherzigen Exe­kutive, die sich immer wieder bedrohlich wie ein schwarzer Schatten über die Geschehnisse legt. Michael Mainzer ist als Musketier Porthos voll in seinem Element, rauft und kämpft sich durch das Rund am Galgenberg mit einer Spielfreude, die den Zuschauern immer wieder ein breites Grinsen ins Gesicht zaubert. Und auch Andreas Rilli sorgt als feuriger Liebhaber der Königin für höchst amüsante Momente.

Mit Magnus Reichel hat das Theater einen weiteren Glücksgriff getan: Der Musiker und Komponist liefert den perfekten Soundtrack für diesen unterhaltsamen Theaterabend. Ob es das erdige und bedrohliche Thema der königlichen Garde ist oder es um den musikalischen Rahmen für das Tête-à-Tête von Maria Theresa mit ihrem Spanisch parlierenden Geliebten Alfonso geht: Reichel schafft mit seiner Musik Atmosphäre.

Gepaart mit den opulenten Kostümen und dem stimmigen Bühnenbild, das einige Überraschungen zu bieten hat, ist die Inszenierung rund und gelungen. Vom Premierenpublikum am Samstagabend gab es für die opulente wie frische Neuauflage des Dumas-Klassikers verdientermaßen einen donnernden Applaus.