Zwischen Neckar und Alb

Notfalls Schlüssel umdrehen

Kirchengemeinde will vor der Abstimmung am 6. November umfassend informieren

Mit dem Bürgerentscheid zum Erhalt der Johanneskirche steht die evangelische Kirchen­gemeinde in Wendlingen vor einer Herausforderung.

Der Zankapfel in Wendlingen: die evangelische Johanneskirche.Foto: Markus Brändli
Der Zankapfel in Wendlingen: die evangelische Johanneskirche.Foto: Markus Brändli

Wendlingen. Es gibt Entwürfe für den Bau eines Gemeindezentrums am Kirchenstandort. Eine Abrissgenehmigung ist ebenfalls erteilt. Nun sind die Wendlinger aufgerufen, am 6. November über das Projekt abzustimmen. Da der Kirchengemeinderat jedoch mehrheitlich für den Abriss votierte, ist fraglich, welches Gewicht dieser Entscheid hat.

„Wir möchten die Wendlinger in den nächsten Monaten noch besser über unsere Pläne informieren“, sagt Pfarrer Stefan Wannenwetsch. Die Kirchengemeinde hat eine Broschüre herausgegeben, in dem die Pläne für das neue Gemeindezentrum anschaulich dargestellt sind. Der Theologe räumt ein, dass in der Kommunikation mit der Bürgerinitiative „Pro Johanneskirche“ und mit dem Freundeskreis offenbar manches nicht optimal gelaufen ist. Andererseits bemängelt er, dass die Abrissgegner „wenig Offenheit“ für die Belange der Kirche gezeigt haben. Da wünscht er sich, „dass wir im weiteren Verlauf alle mehr aufeinander zugehen“.

Das sieht der Vorsitzende des Kirchengemeinderats, Hans-Georg Class, ähnlich: „Es hat viele Gespräche gegeben.“ Außerdem habe man Bürger und Gemeindemitglieder immer wieder informiert. Er selbst hat nach anderen Lösungen gesucht, um die Kirche im Stadtteil Unterboihingen erhalten zu können. „Aber es gibt aus meiner Sicht keine Alternative zum Abriss“, sagt er.

Aus wirtschaftlichen Gründen ist der Erhalt der Johanneskirche für die Kirchengemeinde nicht zu vertreten, begründet Pfarrer Wannenwetsch den Schritt. Das Gebäude mit dem schiefergedeckten Zeltdach lasse sich auch nicht so einfach in ein Mehrzweckgebäude umbauen. Nicht nur die Umbau-, sondern vor allem die Betriebskosten sind für die Gemeinde aus seiner Sicht nicht zu stemmen: „Da wird auf Dauer zu viel Energie verbraucht.“ Es sei daher nicht wirtschaftlich, das Kirchengebäude zu erhalten, „zumal wir meist nur höchstens zwischen 10 und 40 Gottesdienstbesucher haben“.

Auf die Frage, was die Kirchengemeinde denn tun würde, sollten die Wendlinger mehrheitlich für einen Erhalt des Gotteshauses votieren, hat Wannenwetsch noch keine Antwort. Im Extremfall könnte das Gotteshaus ungenutzt stehen bleiben, „und wir drehen den Schlüssel um“. Bevor es so weit kommt, hofft der Theologe nun aber auf einen „fruchtbaren Dialog“ mit allen Beteiligten. Am Samstag waren die Kirchengemeinde und die Abrissgegner mit Informationsständen auf dem Marktplatz präsent.

Der Konflikt hat eine lange Vorgeschichte: Der Abriss des Kirchengebäudes kam 2011 ins Gespräch. Damals überdachte die inzwischen fusionierte evangelische Kirchengemeinde ihre Immobilienkonzeption. „Unser Ziel ist ein Gemeindehaus und eine Kirche“, sagt Wannenwetsch. Deshalb wurden 2012 die beiden Gemeindehäuser an die Stadt verkauft. Die 50 Jahre alte Johanneskirche in der Stadtmitte soll einem Gemeindezentrum mit sakralem Raum und Büros weichen. Daneben entsteht eine diakonische Einrichtung der Bruderhaus-Diakonie für Menschen mit Behinderung. Für große Gottesdienste bleibt die Eusebiuskirche im Stadtteil Wendlingen, die im 15. Jahrhundert erbaut wurde – im 16. Jahrhundert kam dann noch der Turm dazu.

Im März 2014 sprach sich eine erste Machbarkeitsstudie klar dafür aus, dass ein Neubau des Gemeindezentrums zu favorisieren ist. Ein zweites Gutachten des Architekten Wolfgang Riehle bestätigte dies. Im Herbst 2015 siegte der Entwurf des Stuttgarter Büros Drei Architekten, der einen Neubau vorsieht. Der Kirchturm bleibt erhalten. Falls die Bürger am 6. November gegen den Abriss stimmen, könnte die Stadt wohl nur über den Bebauungsplan auf das Projekt der evangelischen Kirchengemeinde Einfluss nehmen.

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