Zwischen Neckar und Alb

Ohne Alkohol wieder Freundschaften gefunden

Therapie Beim Jahrestreffen der Beratungsstelle Sucht und Prävention Nürtingen erzählten Betroffene ihre Geschichten.

Nürtingen. „Ich habe gesucht und . . . gefunden“ - dieses Thema stand im Mittelpunkt des Jahrestreffens, zu dem sich auch in diesem Jahr rund 70 ehemalige und aktuelle Teilnehmer der ambulanten Sucht-Rehabilitation im Landkreis Esslingen in der Alten Seegrasspinnerei in Nürtingen trafen.

Katrin Janssen leitet die Einrichtung seit April und stellte sich den Teilnehmern vor. Die 42-Jährige kommt aus dem Münsterland und war zuletzt in der Eingliederung von Menschen mit Sucht- oder psychischen Erkrankungen tätig. Obwohl die Arbeit der Suchtberatung überwiegend im Verborgenen geschehe und das Thema immer noch tabuisiert werde, ermögliche diese Arbeit neue Teilhabe am Leben, betonte Janssen. „Es ist mir wichtig, dass die Öffentlichkeit anerkennt, welche immense Anstrengung das Erreichen einer dauerhaften Abstinenz erfordert.“ Eberhard Haußmann, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes im Landkreis Esslingen (KDV), betonte: „Diese Hilfe ist gut angelegtes Geld. Sie können stolz sein auf das, was Sie geleistet haben, nämlich ohne Alkohol zu leben“, rief der den Teilnehmern zu.

Welche neuen Chancen sich durch Therapie und Abstinenz ergeben, beschrieben eindrücklich die sechs Frauen und Männer, die sich den Fragen von Therapeut Gunther Wöllenstein stellten. „Haben Sie, als sich die Sucht entwickelte, etwas gesucht?“, fragt er zu Beginn der Podiumsrunde. „Ich habe etwas gesucht, was ich nicht gefunden habe. So geriet ich in die Sucht“, sagt eine Teilnehmerin. Andere nennen die Suche nach sich selbst, nach Liebe oder Geborgenheit.

Gefunden haben sie nichts durch den Alkohol, aber dafür alle etwas, seit sie nicht mehr trinken - sich selbst, Zugang zu den eigenen Gefühlen, neue Freundschaften und Beziehungen, Selbstvertrauen, Befreiung und vieles mehr. „Durch die Abstinenz habe ich eine Kraft gefunden, die mich vorwärtsbringt und antreibt“, sagte eine Teilnehmerin. „Von Abstinenz geht eine riesige Kraft aus“, bestätigte Wöllenstein. Und er erklärte, „dass die Zufriedenheit mit dem Leben dann am größten ist, wenn der Alkoholkonsum am geringsten ist“. Soziale Trinker hätten Schwierigkeiten, ohne Alkohol sozial zu kommunizieren. Zugleich würden Gefühle der Unzufriedenheit unterdrückt. Reaktive Trinker wollten einer unerträglichen Realität entfliehen - wie etwa der Schwierigkeit, mit sich alleine zu sein und sich selbst Ruhe geben zu können. „Der Alkohol füllt diese Lücke und schafft ein künstliches Glück.“ Konflikttrinker hingegen flüchteten vor sich selbst in den Alkohol. „Er hilft ihnen, vor den Gefühlen zu fliehen, die Konfliktsituationen, wie etwa die Angst zu versagen, auslösen“, erklärte Dr. Isabell Friedrich, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Ulrike Rapp-Hirrlicher

Kontakt herstellen zur Beratungsstelle Sucht und Prävention kann man unter der Telefonnummer 07 11/3 90 24 84 80

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