Zwischen Neckar und Alb
Ohne eigene Wohnung ist alles nichts

Leben Der Wernauer Andreas Strunk beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Konzepten gegen Obdachlosigkeit. Auch der Bundespräsident schätzt seine Expertise. Von Karin Ait Atmane

Der 11. September ist der Tag der Wohnungslosen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der selbst über ein Thema zur Obdachlosigkeit promoviert hat, lud aus diesem Anlass Betroffene und Experten zu einem Gesprächsforum ins Schloss Bellevue ein. Unter ihnen war Andreas Strunk, der seit 1995 in Wernau lebt. Der emeritierte Professor gilt als versierter Experte auf dem Gebiet.

Ist es nicht ein Traum, zu seinem Herzensthema an höchster Stelle im Staat gehört zu werden? Andreas Strunk empfindet das so, zumal das Gespräch in freundlicher Atmosphäre und konstruktiv verlaufen sei, wie er berichtet. Er sei dem Bundespräsidenten und weiteren maßgeblichen Bundespolitikern direkt gegenüber gesessen und habe seine Thesen vortragen können. „Es war richtig gut“, sagt er. Die Politiker hätten aufmerksam zugehört, und Steinmeier habe einen von Strunks Kerngedanken direkt aufgegriffen: nämlich, dass eine gezielte lokale Planung des Sozialraums zielführender ist als einzelne Modellprojekte für Wohnungslose. Diese Strategie vertritt der 79-Jährige seit Jahrzehnten. Für ihn war das Gespräch auch „in gewisser Weise die Krönung meiner Karriere“.

Innovative Ansätze haben ihn immer interessiert. Er studierte zunächst Psychologie und Theologie, wechselte dann zur Architektur. Wobei für ihn, auch unter dem Einfluss der 68er, immer der sozialplanerische Ansatz im Mittelpunkt stand: Es sollte nicht um die Ästhetik von Gebäuden gehen, sondern darum, wie Menschen wohnen möchten. In diesem Sinn hat er später promoviert.

 

„Die Krönung meiner Karriere.
Andreas Strunk über die Einladung des Bundespräsidenten

 

1977, nach einem am Ende des Studiums durchgeführten Projekt für die Stuttgarter Sozialverwaltung, wurde er zum Leiter des dortigen Städtischen Obdachlosenasyls. Und praktizierte schon damals einen Ansatz, der in den vergangenen Jahren unter dem Schlagwort „Housing first“ wieder sehr populär geworden ist. Er besagt, dass wohnungslose Menschen vor allen anderen Hilfen ein eigenes Dach über dem Kopf brauchen. Denn das ist die oberste Voraussetzung, um ein normales Leben führen zu können.

So wurde der Verein Ambulante Hilfe Stuttgart 1977 unter dem Vorsitz von Andreas Strunk gegründet, schon früh selbst aktiv im Wohnungsbau. Er besitzt heute mehr als 150 Wohnungen. Aber, räumt Strunk ein, das sei bei den Organisationen der Wohnungslosenhilfe „immer noch die Ausnahme“. Trotzdem hält er die Normalisierungsstrategie – heute würde man vielleicht von Inklusion sprechen – für richtig. Im Bereich der Altenhilfe hat sich der Gedanke, „die Assistenzleistungen in die eigene Wohnung reinzuorganisieren“, besser durchgesetzt: Das geschieht heute auf breiter Basis.

Konzepte zu entwickeln, in der Praxis zu erproben und zu evaluieren, das war kennzeichnend für den weiteren Weg des Sozialplaners. Er führte Projekte am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik durch, stellte einen Jugendhilfeträger in Bremen neu auf, erhielt zusammen mit einer Rechtsanwältin einen Förderpreis für ein Projekt mit jungen Haftentlassenen. Er gründete Vereine im Bereich Jugend- und Obdachlosenhilfe und in Wernau den Ökumenischen Verein für Soziale Aufgaben.

Egal, was er gerade machte: Zentral sei für ihn stets der Austausch mit den Betroffenen gewesen. „Ich mache nur dann eine gute Planung, wenn ich sehr genau weiß, was die Klienten wollen“, erläutert Andreas Strunk. So sind im Laufe der Zeit auch Freundschaften entstanden; einige ehemals Wohnungslose begleitet er seit Jahrzehnten. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 war er sechs Jahre lang an der Hochschule für Sozialwesen in Esslingen tätig – mit Unterbrechung, weil er zwischendrin in der Wohnungswirtschaft arbeitete. Er wollte herausfinden, ob sich die Privatisierung von Mietwohnungen positiv auf die Entwicklung von Quartieren auswirkt. Sein Fazit: ausprobieren und Erfahrung sammeln.