Zwischen Neckar und Alb

„Ohne Landwirte geht es nicht“

Kreisbauerntag Massentierhaltung, Pestizide, Antibiotika: Bauern müssen viel Kritik einstecken, wenn es um ihre Arbeit geht. Muss sich etwas ändern? Von Katja Eisenhardt

Einige Themen beim Kreisbauerntag sorgten für Diskussionen unter den Landwirten.Foto: Katja Eisenhardt
Einige Themen beim Kreisbauerntag sorgten für Diskussionen unter den Landwirten. Foto: Katja Eisenhardt

Gibt es eine Zukunft ohne Landwirtschaft? - Mit dieser Frage haben sich die Teilnehmer des Kreisbauerntags des Esslinger Kreisverbands in der Deizisauer Gemeindehalle beschäftigt. Die klare Antwort vorweg: Nein. Dennoch sehen sich die Landwirte immer wieder massiver Kritik und erschwerten Arbeitsbedingungen ausgesetzt.

Der Kreisverbandsvorsitzende Siegfried Nägele kennt die Probleme gut. Das fange bei nicht beeinflussbaren Wetterextremen an, die zu erheblichen Ernte- und Verdienstausfällen führen. Wie der starke Frost im April letzten Jahres. Im Kreis Esslingen entstand ein Schaden von 300 000 Euro, ergänzte die Erste Landesbeamtin Marion Leuze-Mohr. Das zeige, so Nägele, dass sich Wetter und Vegetation nicht in Kalender und Fristen pressen lassen. „Düngeverordnungen, Sperrfristen, Ansaat- und Schnitttermine per Gesetz vorzugeben ist kein geeignetes Instrumentarium, um Landwirtschaft zu steuern, Umweltbelastungen zu verringern und Zukunft zu gestalten“, sagte er. Sicher, ohne Vorgaben gehe es nicht, ausufern dürften diese aber nicht. Sie würden auch Investitionen nach sich ziehen, die kleinere und mittlere Betriebe nicht stemmen können.

Die Landwirtschaft sei „der tägliche Kampf, der Natur das Essen abzuringen, denn das fällt nun mal nicht vom Himmel.“ Die Sicherstellung der Ernährung sei immer mit natürlichen Emissionen verbunden, Belastungen aus der Landwirtschaft ließen sich nicht komplett vermeiden, sondern nur schrittweise reduzieren. Landwirtschaft entwickle sich stetig weiter, die Produktivität steige, Produktionsmethoden würden verbessert. Aber: Die Wünsche seitens Gesellschaft und Politik nach einer Landwirtschaftsidylle wie vor 100 Jahren und die harte Realität in der Landwirtschaft passen nicht zusammen. Das zeige sich in den ständigen Vorwürfen gegenüber den Landwirten, so Nägele.

Konstruktiv mit Kritik umgehen

Um Verständnis für die wichtige Arbeit der Landwirtschaft zu erreichen, müssen sich Bauern konstruktiv mit der Kritik auseinandersetzen und den Dialog mit den Verbrauchern suchen, forderte Friedlinde Gurr-Hirsch, Staatssekretärin im Ministerium für Ländlichen Raum Baden-Württemberg: „Die Landwirtschaft in Baden-Württemberg steht für Verlässlichkeit, Sicherheit und Ehrlichkeit. Die Landwirte leisten mehr, als viele glauben.“ Hierzulande sei nur noch ein Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft tätig. Das bringe so manch einen auf die absurde Idee, man bräuchte keine Landwirtschaft mehr. „Doch es kann niemand im Ernst wollen, dass wir unsere Lebensmittel aus aller Herren Länder importieren.“

Ein enger Zusammenhang bestehe zudem zwischen dem Fortbestand der hiesigen Kulturlandschaft und der Landwirtschaft. Viel zu wenig werde gewürdigt, was die Landwirte für das Gemeinwesen leisten. Dafür werde eine unternehmerische Landwirtschaft, die unerlässlich sei, um sich im regionalen und globalen Wettbewerb zu behaupten, oft kritisch gesehen. „Demonstrationen gegen Massentierhaltung, Pestizide, Überdüngung, die Agrarindustrie, Diskussionen um Glyphosat, die Tötung männlicher Küken, Antibiotikaeinsatz im Stall - die Liste der Kritikpunkte ist lang.“ Das habe die heimische Landwirtschaft nicht verdient“, betonte Gurr-Hirsch.

"Wir müssen den Landwirten helfen, statt sie nur zur kritisieren"

Einzelfall-Skandale würden häufig verallgemeinert, sagte die Staatssekretärin. Für schwarze Schafe müsse es Strafen geben, gleichzeitig aber auch ein Grundvertrauen in die Landwirtschaft. Eines müsse klar sein: Wer möchte, dass in der Region hochwertige, gesunde und nachhaltig produzierte Lebensmittel erzeugt werden, wer die Kulturlandschaft weiter genießen möchte, der muss auch bereit sein, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen, vor allem als Konsument heimischer Lebensmittel. „Wir müssen den Landwirten bei der Bewältigung ihrer vielen Aufgaben helfen, statt sie nur zu kritisieren.“

In der anschließenden Diskussionsrunde wurden aktuelle Probleme, wie das fortschreitende Insektensterben und die Möglichkeiten der Landwirtschaft, dem entgegenzuwirken, oder auch die Bedrohung durch den Wolf für die Weidetierhaltung thematisiert.

Anzeige