Zwischen Neckar und Alb

Opfer in der Helferrolle

Drei syrische Ärzte kämpfen als ehrenamtliche DRK-Mitarbeiter um ihren Wiedereinstieg in den Beruf

Sie würden gerne helfen, aber sie dürfen nicht: Drei syrische Ärzte, die als Flüchtlinge seit Mai in Plochingen leben, kämpfen gemeinsam um eine Berufserlaubnis in Deutschland. Statt still zu sitzen und abzuwarten, unterstützen sie seit Monaten unentgeltlich das Deutsche Rote Kreuz.

Ein fast schon eingespieltes Team: Augenarzt Rami Al Dabbagh, Kinderarzt Ammar Ahmad, die Plochinger DRK-Vorsitzende Christa Gro
Ein fast schon eingespieltes Team: Augenarzt Rami Al Dabbagh, Kinderarzt Ammar Ahmad, die Plochinger DRK-Vorsitzende Christa Gronau und der Gynäkologe Mohamat Haj Hussein (von links).Foto: Jean-Luc Jacques

Plochingen. Nur die Grundmauern stehen noch. Der Rest zerfiel im Bombenhagel des Bürgerkriegs in ihrem Heimatland zu Staub. Bevor der Terror den Alltag in Syrien bestimmte, war die Ruine auf dem Foto ein modernes Krankenhaus. Rami Al Dabbagh und Ammar Ahmad haben dort, in einem Stadtteil von Damaskus, als Ärzte gearbeitet. Rami ist Augenarzt und spricht vier Sprachen fließend. Ammar, der Mann mit dem strahlenden Lächeln, ist Kinderarzt. Ein Lächeln, das schlagartig erlischt, wenn er von der Heimat redet. Dort, wo noch immer Eltern und Verwandte leben, von denen es seit drei Monaten kein Lebenszeichen gibt.

Mit Tausenden anderen haben sich die beiden Kollegen gemeinsam auf die gefährliche Reise nach Europa gemacht. Seit Ende Mai leben sie in Plochingen. Im ehemaligen Hotel Prisma, unter einem Dach mit 55 Flüchtlingen aus acht verschiedenen Ländern. Gemeinsam mit Mohamat Haj Hussein teilen sie sich 20 Quadratmeter Wohnfläche. Husein ist Gynäkologe, studierte wie seine beiden Mitbewohner an der Universität in Damaskus. Vor seiner Flucht lebte und arbeitete er in Maydin, einer 70 000-Einwohner-Stadt im Osten Syriens. Einer Region, die fest in Händen der IS-Miliz ist. An die Ausübung seines Berufs war deshalb nicht mehr zu denken. Als Frauenarzt wurde er zum Feindbild der Islamisten. „Alle meine Kollegen wurden mit dem Tode bedroht“, erzählt er. „Oder als Kämpfer zwangsrekrutiert.“ In Deutschland hoffen die drei jungen Mediziner, irgendwann das tun zu dürfen, weshalb sie Ärzte geworden sind: Menschen zu helfen.

Doch so einfach ist das nicht. Wer als Ausländer hierzulande als Arzt arbeiten will, benötigt eine deutsche Approbation oder Berufserlaubnis. Neben einer Prüfung braucht es dafür eine Vielzahl an Dokumenten, meist von Behörden aus dem Herkunftsland, was in Kriegsgebieten häufig unmöglich ist. Hilfsorganisationen wie Pro Asyl fordern angesichts des Ärztemangels in Deutschland daher schon länger den Abbau bürokratischer Hürden.

Über allem steht jedoch die Sprache. Rami Al Dabbagh hat in den sieben Monaten, die er hier ist, schnell Deutsch gelernt. Um den Patientenkommunikationstest zu bestehen, den die Ärztekammer vorschreibt, wird es nicht reichen. Tag für Tag büffeln die drei deshalb gemeinsam deutsche Grammatik. Mehrere Stunden täglich. Die Kurse bei der Volkshochschule bezahlen sie aus der eigenen Tasche. Von den 350 Euro, die sie zum Leben erhalten.

Kein Platz für Langeweile. Das ist das Wesentliche, das die drei von anderen Bewohnern im Haus unterscheidet. „Die Zeit vergeht wie im Flug“, sagt Rami Al Dabbagh. Seit Frühsommer sind sie ehrenamtliche Mitglieder im Deutschen Roten Kreuz, packen mit an, wo immer Hilfe benötigt wird: Sie halten Material und Fuhrpark in Schuss, helfen bei Blutspenden, in Erste-Hilfe-Kursen und vor allem bei der Unterbringung und Erstversorgung von Flüchtlingen. Sie waren dabei, als vor wenigen Wochen Hunderte Neuankömmlinge in der Esslinger Schelztorhalle und der Fildermesse einquartiert wurden.

Für Christa Gronau, die Vorsitzende des DRK in Plochingen, sind die drei Syrer vor allem als medizinische Dolmetscher unersetzlich. „Viele, die wir zu versorgen haben, sprechen kein Englisch“, sagt sie. „Rami, Ammar und Mohamat stehen immer bereit, auch in der Nacht oder am frühen Morgen.“ Helfen mit Limit, betitelt Ammar Ahmad die Situation, in der er und seine beiden Kollegen stecken. Ohne Aufenthaltspapiere keine Zulassung und ohne Zulassung keine ärztliche Hilfe. Nichtärztliche Grundversorgung heißt im Fachjargon das, was ihnen an Dienst am Mitmenschen erlaubt ist. Seit sieben Monaten. Sie tun alles dafür, dass sich das so schnell es geht ändert. Dass sie wieder in einer Klinik arbeiten können, zurückkehren in ihr früheres Leben. „In unserer Heimat tobt ein Stellvertreterkrieg, den die Großmächte immer weiter anheizen, statt ihn zu beenden“, sagt Rami Al Dabbagh. „Keiner fragt uns, ob wir diesen Krieg wollen.“

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