Zwischen Neckar und Alb

Ostfriesischer Volkssport am Albtrauf

Brauchtum Der ehemalige Beurener Bürgermeister Erich Hartmann brachte das „Boßeln“ aus dem Norden mit. Jetzt bietet die Schwäbische Landpartie das Spiel für Gäste an. Von Julia Theermann

Annette Haußmann versucht sich beim Burlen, während Jutta Gluiber (von links), Daniel Gluiber, Helmut-Frank Komorek und Jürgen P
Annette Haußmann versucht sich beim Burlen, während Jutta Gluiber (von links), Daniel Gluiber, Helmut-Frank Komorek und Jürgen Pfänder zuschauen. Foto: Roberto Bulgrin

Die Räder des Bollerwagens rattern über den Kiesweg, die Hartgummikugel klackert, als sie etliche Meter vor der ausgelassenen Gruppe zum Liegen kommt. Wenn das Albpanorama nicht wäre, könnte man meinen, man wäre in Ostfriesland auf einer Boßeltour. Doch der Volkssport der Ostfriesen wird auch im Ländle betrieben. Allerdings unter einem anderen Namen: Burlen.

Geburlt wird in Beuren tatsächlich schon seit der Jahrtausendwende, erinnert sich Beurens Bürgermeister Daniel Glui­ber. Der damalige Bürgermeister Erich Hartmann hatte das Spiel im Norden entdeckt und mitgebracht. Zusammen mit den Beurener und Balzholzer Senioren habe man geschaut, wie man das Mannschaftsspiel an die Gegebenheiten am Albtrauf anpassen kann. „Wir haben hier ja keine geraden und ebenen Strecken“, sagt der Verwaltungschef. Da habe man schon etwas am Spiel verändern müssen. Zu den Änderungen gehört, dass nicht auf Landstraßen sondern auf Wanderwegen gespielt wird. Das habe den Vorteil, dass jeder die Natur genießen könne, sagt Glui­ber. Und wen nach dem Burlen der Muskelkater plagt, der könne sich ja anschließend in der Therme entspannen, schmunzelt der Bürgermeister. Ein weiterer Unterschied: Ostfriesen spielen das Kugelspiel in der Regel in der kalten Jahreszeit. Die Schwaben dagegen burlen auch im Hochsommer.

Nicht nur für Senioren

Nachdem das Burlen jahrelang ausschließlich in der Seniorengruppe stattfand, will die Schwäbische Landpartie den Freizeitsport jetzt auch für Gäste anbieten. Die Grundlagen aber bleiben unverändert: Mit dem Bollerwagen ziehen zwei Mannschaften von je zehn bis 14 Personen los. Jede Mannschaft bekommt eine Kugel, die abwechselnd geworfen wird. Im Laufen wird die Kugel dabei am langen Arm mit möglichst hoher Geschwindigkeit nach vorn geworfen. Die Flugbahn sollte dabei nicht zu steil sein, damit die Kugel nach der Landung noch möglichst weit rollt. Jeder Wurf wird notiert. Gewonnen hat die Mannschaft, die die vorgegebene Strecke mit den wenigsten Schüben schafft. Anders als in Norddeutschland werden am Albtrauf keine Turniere ausgetragen. „Es geht darum, eine nette Zeit miteinander zu verbringen“, sagt Jutta Gluiber, die als Gästeführerin für die Schwäbische Landpartie tätig ist.

Die Kugeln stammen aus dem ostfriesischen Wittmund. Der Bollerwagen wird vom Bauhof der Gemeinde gestellt. Das Gefährt spielt eine zentrale Rolle beim Burlen: Dort wird der Proviant aufbewahrt. Normalerweise besteht der neben Brezeln zum Beispiel aus Hartwurst und Käse, aber in Corona-Zeiten haben die Gästeführer den Umfang etwas reduziert.

Nicht fehlen darf trotzdem der Beurener Wein - der rote Ratsherren-Trunk aus Schwarzriesling-Trauben und der weiße Medicus aus Kerner-Trauben. Damit die Spieler die Hände frei haben, werden sie mit einem Gläsle am Band ausgestattet, das sie um den Hals tragen können. Auch beim ostfriesischen Vorbild, dem Boßeln, ist Alkohol bei jeder Boßeltour dabei. Allerdings geht es mit Kräuterschnaps und Weinbrand da für gewöhnlich etwas weniger edel zu.

Erst seit diesem Jahr steht das Burlen im Katalog der Schwäbischen Landpartie - Neuland für die Gästeführer. Erschwert wurde der Start zudem durch die Corona-Pandemie. Jetzt, wo sich wieder Gruppen treffen dürfen, will man aber richtig durchstarten. „Wir müssen natürlich noch Erfahrungswerte aufbauen, was sich die Gruppen wünschen“, sagt Jutta Gluiber. Eine festgelegte Route gebe es nicht, theoretisch könnten alle Wanderwege benutzt werden, die der Bollerwagen passieren kann. Und auch die Gruppengröße sei variabel. Inzwischen habe sogar schon ein Busunternehmen Interesse bekundet, das Burlen ins Programm aufzunehmen - eine Art Kohlfahrt, nur eben auf Schwäbisch.

 

Info Gruppen können im Internet unter https://schwäbische-landpartie.de/portfolio-item/burlen-in-der-natur/ eine Tour buchen.

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