Zwischen Neckar und Alb

Plötzlich ohne Dach über dem Kopf

Gutachten Wegen Einsturzgefahr müssen drei Reichenbacher Familien innerhalb von wenigen Stunden ihre Wohnungen Hals über Kopf räumen. Jetzt suchen sie eine neue Bleibe. Von Karin Ait Atmane

Jessica Pacalos zeigt ihr Wohnzimmer: Die Ecke wurde abgesprießt, im Bereich des Risses blättert der Putz. Foto: Karin Ait Atman
Jessica Pacalos zeigt ihr Wohnzimmer: Die Ecke wurde abgesprießt, im Bereich des Risses blättert der Putz. Foto: Karin Ait Atmane

Drei vierköpfige Familien suchen eine Bleibe - möglichst in Reichenbach, möglichst schnell und möglichst für kleines Geld. Ihre Eigentumswohnungen in der Seestraße 10 mussten sie Hals über Kopf räumen, weil das Haus, das gerade mal zwölf Jahre alt ist, einsturzgefährdet ist.

Den ersten Riss in der Außenwand entdeckte Jessica Pacalos, die mit ihrem Mann und den zwei Kindern im Erdgeschoss wohnt, vergangenen Herbst. Zunächst dachte keiner an etwas Schlimmes. Man überlegte, ob man zuspachteln oder neu verputzen sollte. Kurz vor Weihnachten trat ein weiterer Riss auf, diesmal an der Wohnzimmerwand. Der Putz blätterte ab und wölbte sich so, dass man eine Hand zwischen ihn und das Mauerwerk stecken konnte. „Das war nicht mehr so lustig“, sagt Jessica Pacalos.

Eigentümer und Hausverwaltung zogen im neuen Jahr Handwerker zurate. Einem von ihnen kam die Sache komisch vor. „Da stimmt etwas nicht“, sagte er und riet, einen Gutachter hinzuzuziehen. Der nahm dann Gesteinsproben aus der Außenmauer. Unabhängig davon veranlasste er sofort, dass im Wohnzimmer von Pacalos und an den Balkonen Sprieße zum Abstützen angebracht wurden.

Zwei Wochen später, am letzten Schultag, überschlugen sich die Ereignisse: „Wir wurden im Geschäft angerufen“, erinnert sich Haydar Zobu, der mit seiner Familie erst vor einem halben Jahr eingezogen ist. Sie hätten bis 16 Uhr Zeit, das Haus zu räumen, so die Aufforderung der Baurechtsbehörde des Landratsamtes an die Bewohner. „Dann war totales Chaos“, erinnert sich Jessica Pacalos, auf allen Stockwerken brach hektisches Treiben aus.

Mittlerweile wissen die Eigentümer, was die Materialprüfer der Universität Stuttgart festgestellt hat: Die untersuchten Porenbetonsteine weisen nicht die festgelegte Druckfestigkeit auf, sondern nur ungefähr die Hälfte davon. Deshalb sah man die dauerhafte Standsicherheit nicht mehr garantiert. Selbst einen Einsturz des Gebäudes konnte ein Statiker, allen Stützen zum Trotz, nicht ausschließen.

Viele Fragezeichen bleiben

Gebaut worden ist das Haus 2007 von einem regionalen Bauträger, dessen Chef sich betroffen zeigt. „Das ist ein Riesenproblem für die Leute, das verstehe ich vollkommen“, sagt er, sieht aber keine Schuld bei sich. Das verwendete Material sei ein gängiger Baustoff: „Der hat Zertifikate und Zulassungen.“ Es sei auch kein No-Name- oder Importprodukt gewesen, sondern von einer eingesessenen bayerischen Firma bezogen worden. Ob man damals womöglich eine fehlerhafte Produktlieferung bekam, müsse nun geklärt werden. Aber selbst wenn man das belegen kann, bleibt die Frage, wer für den Schaden aufkommen muss. Denn die Produkthaftung erlischt in Deutschland in der Regel nach zehn Jahren. Ob irgendjemand haftbar gemacht werden kann, ob vielleicht eine Versicherung zahlt oder der Schaden letztendlich an den Eigentümern hängen bleibt, das sind die großen Fragezeichen.

Ebenso wissen die Familien nicht, ob und wie das Gebäude sanierbar ist. Sie gehen momentan davon aus, ein bis zwei Jahre überbrücken zu müssen. Fürs Erste sind alle bei Verwandten untergekommen. „Wir schlafen auf dem Boden“, sagt Nebo Stevanovic, der mit seiner Frau und den Kindern bei den Eltern in Donzdorf Unterschlupf fand. Bei Zobus ist es ähnlich, sie kamen in Hedelfingen unter, während Familie Pacalos von Familienangehörigen in Reichenbach aufgenommen wurde.

Dauerlösungen sind das nicht. Der große Wunsch aller betroffenen Familien sei, „dass wir kurzfristig hier im Umkreis, vielleicht in zehn Kilometern Radius, eine vorübergehende Unterkunft finden“, sagt Stevanovic. Viel bezahlen können sie für den Ersatzwohnraum allerdings nicht, denn alle müssen weiter ihre Kredite für die Eigentumswohnungen in der Seestraße bedienen. Die Gemeinde stehe in engem Kontakt mit den Betroffenen und habe auch beim Landratsamt und den Bürgermeistern der Nachbarorte um Hilfe angefragt, sagt Bürgermeister Bernhard Richter. Er sieht auch den Bauträger in der Pflicht und wirft ihm vor, dass er zu einem Krisengespräch nicht erschienen ist. Der Bauträger wiederum sagt, er habe einfach keine Wohnung an der Hand: „Ich baue und verkaufe Wohnraum - und dann ist er weg.“

Die Gemeinde nimmt Wohnungsangebote für die Familien entgegen. Infos gibt es unter www.reichenbach-fils.de.

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