Zwischen Neckar und Alb

Politische Kämpfe um den Glauben

Geschichtsvortrag Der Historiker Steffen Seischab und Kreisarchivar Manfred Waßner betrachten die politische Seite der Reformation – mit Wiedertäufern, Bauernführern und Bilderstürmern. Von Peter Dietrich

Die Weilheimer Peterskirche ist ein herausragendes Beispiel für Umdeutungen von Bildern statt Bildersturm.Foto: Jean-Luc Jacques
Die Weilheimer Peterskirche ist ein herausragendes Beispiel für Umdeutungen von Bildern statt Bildersturm.Foto: Jean-Luc Jacques

Was lässt sich von Martin Luther für heute lernen? Landrat Heinz Eininger unterstrich beim Geschichtsvortrag des Kreisarchivs und der Stiftung Kreissparkasse Luthers „Ringen um Wahrhaftigkeit, sein bedingungsloses Einstehen für seine Überzeugungen“. Dies würde auch heute Politik und Gesellschaft gut zu Gesicht stehen.

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Offiziell kam die Reformation 1534 nach Württemberg. Die Ideen drangen aber schon vorher über die Reichsstädte ins Land sowie über religiöse und gesellschaftliche Bewegungen wie Bauernkrieg und Täufertum. Aus diesen Bewegungen griff der Nürtinger Historiker Steffen Seischab zwei markante Persönlichkeiten heraus.

Täuferführer Augustin Bader hatte im Sommer 1528 drei Visionen. Durch sie sah er sich als Prophet der zu Ostern 1530 anbrechenden Endzeit. Später sah er sich als künftigen König im tausendjährigen Reich und ließ sich Königsinsignien fertigen. Er und seine Anhänger wurden - teils in Nürtingen - verhaftet, verhört, gefoltert und hingerichtet. Bader wurde mit seinem vergoldeten Schwert enthauptet und auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ihm wurde geplanter Aufruhr vorgeworfen, womöglich im Verbund mit dem vertriebenen Herzog: Religion war den Herrschenden egal, solange die Sache nicht politisch wurde. Lutherische Theologen nutzten ihn als warnendes Beispiel für eine fundamental missverstandene Botschaft der Reformation. Katholische Theologen auch: Wer die Autorität der Kirche leugne, gehe des Heils verlustig und ende als Ketzer.

Auch Bauernführer Matern Feuerbacher, der 1525 einen Haufen in Nürtingen befehligte, wird unterschiedlich betrachtet. Ist er, nach Wilhelm Zimmermann, der Prototyp des engagierten, aber trotz allen Protests anständigen Bürgers, der durch Gewalt der Gegenseite scheitern musste? Friedrich Engels sah ihn als feigen Kompromissler. Für Steffen Seischab ist er „das gute Gewissen des Bauernaufstands in Württemberg“.

Kreisarchivar Manfred Waßner ließ das Württemberg der Jahre 1517 und 1534 lebendig werden. Wenn ein verlorener Krieg zur Steuererhöhung und diese zum Aufstand im eigenen Land führen, wenn der Herzog einen Stallmeister ermordet und die Herzogin mit dem Erzfeind durchbrennt, dann sind wohl raue Zeiten angesagt. Warum wurden Bilder aus der Vorreformationszeit in vielen Kirchen zerstört, in anderen wie der Peterskirche in Weilheim aber nur protestantisch umgedeutet? „Wir wissen es nicht“, sagte Waßner. In Weilheim wurde ein Bild 1601 mit einer neuen Jahreszahl reformiert. Wenn es nur immer so einfach wäre.