Zwischen Neckar und Alb

Polizisten zwischen allen Fronten Konzepte gegen Terror entwickelt

Einsatz Fußballspiele, Demonstrationen, Versammlungen: Ohne die Bereitschaftspolizei geht heute nichts. In Göppingen sind 700 Beamte ständig in Bereitschaft. Von Susann SchönfelderSicherheit Die Göppinger Bereitschaftspolizei hält seit dem Jahr 1951 Ein­heiten für ganz Baden-Württemberg bereit.

Bei Übungen spielen die Beamten der Bepo verschiedene Szenarien durch.Fotos: Giacinto Carlucci
Bei Übungen spielen die Beamten der Bepo verschiedene Szenarien durch.Fotos: Giacinto Carlucci

„Wir marschieren für den nationalen Widerstand“, tönt es aus dem Megafon. Die Meute folgt ihrem Anführer und skandiert diese extremistische Parole lautstark mit. „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“, schreit die Gruppe anschließend. Plötzlich tauchen linke Angreifer aus dem Hinterhalt auf, rufen „Nazis raus“ und bewerfen die rechten Demonstranten mit Tennisbällen und vollen Plastikflaschen.

Anzeige

Die Beamten der Bereitschaftspolizei stehen zwischen den Fronten und schirmen die rivalisierenden Gruppen ab. Die Pferde der Polizeireiterstaffel flößen Respekt ein und drängen die Angreifer zurück. Handgreiflichkeiten bleiben aus, verletzt wird niemand. Doch der Einsatz ist noch lange nicht zu Ende.

Das Szenario findet auf dem Gelände des Polizeipräsidiums Einsatz in Göppingen statt. Es ist die Abschlussübung eines sogenannten Intensiv- und Tumulttrainings. Drei Wochen absolvierten die Polizeianwärter diese Fortbildung und müssen nun unter sehr realistischen Bedingungen zeigen, was sie gelernt haben. Dabei wirken die taktischen Einsatzzüge und die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten mit der Polizeireiterstaffel zusammen. „Die Inhalte der Abschlussübung ändern sich immer wieder und werden der aktuellen Lage angepasst“, erklärt Alexander Fuchs, der Leiter der Bereitschaftspolizei Göppingen. Dieses Mal ist das Szenario auf Demonstrationen ausgerichtet, die Themen Terror und Anschlagsgefahr kämen dann „Step by Step“ dazu.

77 Polizeischüler stellen ihr Können unter Beweis, zusammen mit dem Stammpersonal sind mehr als 100 Leute dabei. Angenommen wird ein nicht öffentlicher Bundesparteitag einer rechtsorientierten Partei mit linken und rechten Störern. Immer wieder kommt es zu Zwischenkundgebungen. Polizisten der taktischen Einsatzzüge in dunkelblauen Overalls kesseln den Zug ein. „Die Störer sind erfahrene Kollegen“, erklärt Roland Fleischer, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Einsatz.

Die Polizisten bei der Übung sind angehende Beamte, die unter beinahe Echt-Bedingungen den Ernstfall proben. Da wird ein Demonstrant festgenommen, ein anderer simuliert eine Ohnmacht. Ein speziell fortgebildeter Polizist ist mit der Videokamera dabei. „Bei einer Festnahme ist das wichtig für die Beweiskette“, erklärt Fleischer. Wieder ein anderer Polizist trägt einen Feuerlöscher auf dem Rücken. Bei der Übung zünden die Demonstranten Bengalo-Feuerwerke, Silvesterknaller lassen die Pferde scheuen.

Dann immer wieder lautstarke extremistische Parolen. Linke wiederum bilden Blockaden mit Autoreifen und halten ein Banner in die Höhe mit der Aufschrift „Deutsche Polizisten schützen Faschisten“. Der Einheitsführer der Bereitschaftspolizisten gibt Anweisungen: „Die Spitze bleibt vorne und wird nicht überholt.“ Die Beamten laufen in mehreren Reihen durch das raschelnde Laub und drängen die Störer zurück, jeder Polizist spürt die Hand eines anderen auf der Schulter und muss sich somit nicht umschauen, was hinter ihm passiert.

Wohl wissend, dass es sich um eine Übung handelt, wirkt das Schauspiel bedrohlich. Wie muss das wohl für die Beamten bei einem echten Einsatz sein? „Der erste Ansatz ist natürlich die Ausbildung“, sagt Alexander Fuchs. Hinzu kommt die mentale Vorbereitung: „Was habe ich für Erwartungen und für Emotionen? Was würde man selbst von sich erwarten“, fügt der Leiter der Bereitschaftspolizei in Göppingen hinzu. Man müsse sich im Klaren sein, dass Einsätze möglicherweise unter Einsatz des eigenen Lebens stattfänden.

„Die Einsatzkräfte bereiten sich daher gut vor auf bestimmte Szenarien“, betont Alexander Fuchs, zwei Psychologen stehen bei Bedarf den Kollegen zur Seite. Mit mehr Erfahrung würden die Bereitschaftspolizisten spürbar gelassener. „Und man darf nie vergessen: Sie sind immer in der Gruppe, man hat immer jemanden an seiner Seite.“

Region. Das passende Areal, entsprechende Gebäude und die Nähe zu Stuttgart gaben den Ausschlag, den Standort Göppingen für die Bereitschaftspolizei auszuwählen. Nach der Polizeireform 2014 wurde die „Bepo“, die geschlossene Einheiten für die Polizei im Land und anderen Bundesländern stellt, in Göppingen mit 710 Mitarbeitern und Bruchsal mit 715 konzentriert. Diese Polizisten unterstützen die Streifen-Polizisten bei gewalttätigen Demonstrationen oder bei Razzien, sagt Alexander Fuchs, Leiter der Bepo in Göppingen. „Wir könnten eigentlich immer mehr Einsatzkräfte verkraften“, fasst der Leitende Polizeidirektor zusammen. „Bei Bedarf bekommen wir aber alles, was wir brauchen, auf die Straße.“

Eine neue Herausforderung stellt die Bedrohung durch Terror oder Amok­läufe dar. „Für Amok haben wir Konzepte entwickelt, die übertragen werden“, sagt Fuchs. Jedoch seien da in erster Linie Spezialeinsatzkräfte gefragt. „Die Ausbildung, Übungen und die mentale Vorbereitung sind die entscheidenden Schritte“, betont der Bepo-Chef. Man müsse bei solchen schwierigen Einsätzen immer unterschiedliche Szenarien in Betracht ziehen - von Festnahmen über viele Verletzte bis hin zu Toten. Mit zwei Psychologen sei der Standort gut aufgestellt

Fuchs findet die Arbeit spannend: „Die Bepo bietet ein breites Arbeitsumfeld, die Polizisten kommen im ganzen Land zum Einsatz“, unterstreicht er. „Das ist besonders für junge Menschen attraktiv.“ In der Gruppe herrsche eine ganz besondere Form der Kollegialität.Susann Schönfelder

Alexander Fuchs
Alexander Fuchs