Zwischen Neckar und Alb

Prinzip „Weiter so“ am Ende

IHK-Neujahrsempfang: Bezirkskammerpräsident Baumann fordert eine Richtung

Wie können die Unternehmen in der Region für Nachwuchskräfte attraktiv bleiben und die Krisen, die Europa zurzeit dominieren, bewältigen? – Diese Fragen standen im Mittelpunkt des IHK-Neujahrsempfangs in der Nürtinger Stadthalle.

Der Leiter des Sinus-Instituts Peter Martin Thomas macht den Unternehmern beim IHK-Neujahrsempfang klar: Wer in einem knappen Ma
Der Leiter des Sinus-Instituts Peter Martin Thomas macht den Unternehmern beim IHK-Neujahrsempfang klar: Wer in einem knappen Markt Auszubildende einstellen will, muss ihnen mehr bieten.Foto: Bulgrin

Nürtingen. Nur ein knappes Viertel, nämlich 24 Prozent der Jugendlichen kann sich vorstellen, nach der Schule eine Ausbildung zu machen – das ist das Ergebnis einer Zielgruppenstudie des Sinus-Instituts Heidelberg, die die baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern in Auftrag gegeben hatten. Der Leiter des Instituts, Peter Martin Thomas, präsentierte die Ergebnisse und gab buchstäblich Einblicke in die Kinderzimmer der künftigen Berufseinsteiger.

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Denn auch die IHK-Mitgliedsbetriebe müssen ihre Lehrlinge auf einem knapper werdenden Ausbildungsmarkt rekrutieren – und müssten deshalb, so Referent Thomas, für die Jugendlichen attraktiv bleiben. Denn weniger Bewerber heiße auch, dass die Betriebe ihnen mehr bieten müssen.

Darauf ging auch der Präsident der IHK-Bezirkskammer Heinrich Baumann ein, als er über die Jugend als „wichtigste nachwachsende Ressource“ sprach. Die Klage der älteren Generation, die jüngere sei unwissend, unerfahren und unbedacht, werde schon seit mindestens 2 500 Jahren erhoben. „Eines können wir unserer Jugend nicht vorwerfen: Sie kann nichts für den Zustand der Welt, die wir ihr übergeben“. Da müssten sich Ältere schon an die eigene Nase fassen. „Welche Botschaft senden wir denn an die Jungen, wenn wir den Eindruck vermitteln, die Gegenwart sei besser als die Zukunft?“ Genau das täten diejenigen, die mit aller Kraft versuchten, das Erreichte zu konservieren, sich abzuschotten und sich gegen Neues zu wehren.

Änderungen finden statt und lassen sich gestalten, so Baumanns Fazit. An der Gestaltung hapere es allerdings. So sei das im Zusammenhang mit Europa am häufigsten verwendete Wort derzeit vermutlich „Krise“. Zur Eurokrise kam die Flüchtlingskrise. Deutschland stehe dabei mitten im Kreuzfeuer.

Eurokrise und Flüchtlingskrise stellten zwei Kernprojekte und Aushängeschilder der europäischen Integration infrage: den Euro und den Schengenraum. Im vergangenen Sommer habe sich die Währungskrise zugespitzt. „Dass sich die EU mit dem Euro verhoben haben könnte, beantworten immer mehr Fachleute mit Ja“, so Baumann.

Der Flüchtlingsstrom der kurz nach der Griechenland-Rettung nach Europa schwappte, bewog viele Staaten zu nationalen Alleingängen. So hätten sie das Problem auf ihre Nachbarländer abgeschoben. „Jetzt haben wir die Situation, dass manche EU-Staaten weniger Flüchtlinge aufnehmen als die Stadt Nürtingen“, so der IHK-Präsident.

Ein „Weiter so“, könne man nicht mehr lange durchhalten. „Wir sollten aus der Krise eine Chance machen“, sagt Baumann. Wir haben eine Verantwortung für Europa, vor der könne sich niemand drücken. Deshalb seien wichtige Richtungsentscheidungen der EU-Mitgliedsstaaten erforderlich: „Wir müssen die Währungsunion auf stabilere Beine stellen, wir brauchen eine faire Lastenverteilung in Europa und wir sollten eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik auf den Weg bringen“, so sein Appell.

Die Debatten in der Flüchtlingskrise spalteten die Gesellschaft. Deshalb wünscht sich Baumann eine „vernünftige Diskussionskultur“, in der es auch möglich ist, Ängste und Vorbehalte zu artikulieren, ohne gleich an den Pranger gestellt zu werden. „So können wir die Mitte stärken und nicht die Ränder“.

Wirtschaftlich sieht der IHK-Präsident die Region derzeit gut aufgestellt. Mehr als jedes zweite Unternehmen bezeichne seine Lage in der Umfrage der Kammer als „gut“, nur jedes 20. sei„unzufrieden“. Positive Impulse erhoffe sich die Industrie aus Nordamerika und der Eurozone. In Asien hoffe man trotz Krise, das hohe Absatzniveau zumindest halten zu können. Abwärtstrends erkenne man für Russland und Lateinamerika. Außerdem zeigen Pläne für Investitionen und Beschäftigung leicht nach oben. „Ich denke, wir können über dieses Stimmungsbild aus der Wirtschaft sehr froh sein.“ Krisen ließen sich nur mit einer florierenden Wirtschaft bewältigen.