Zwischen Neckar und Alb

Prügelattacke: Opfer bleibt zeitlebens ein Pflegefall

Prozess Ein 36-Jähriger muss sich wegen versuchten Totschlags und Körperverletzung vor Gericht verantworten.

Gericht
Symbolbild

Altbach. Ein brutales Verbrechen soll sich in der Nacht zum 9. Juni letzten Jahres an einem 65-jährigen Bauarbeiter in einer Altbacher Firmenunterkunft abgespielt haben: Ein 36-Jähriger habe zusammen mit einem unbekannten Komplizen dem Mann zahlreiche Schläge mit einem schweren Gewindeeisen auf den Kopf versetzt und ihn dabei so schwer verletzt haben, dass das Opfer zeitlebens ein Intensiv-Pflegefall ist.

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Jetzt sitzt ein 36-jähriger Arbeitskollege des Opfers auf der Anklagebank der Schwurgerichtskammer am Stuttgarter Landgericht. Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet auf versuchten Totschlag und schwere Körperverletzung. Was genau in der Tatnacht im Zimmer des 65-Jährigen geschah, ist allerdings noch unklar, denn der Angeklagte selbst macht geltend, dass er zum Tatgeschehen keine Erinnerung habe.

Die Anklage jedoch geht davon aus, dass es in dieser Nacht zwischen ihm und dem 65-Jährigen zu einem Streit gekommen sein muss, in dessen Verlauf dann der 36-Jährige mit dem Gewindeeisen auf das Opfer einschlug. Dabei versetzte er dem 65-Jährigen mehrere wuchtige Schläge, die zu lebensgefährlichen Kopfverletzungen führten. Das Opfer selbst ist seitdem für den Rest seines Lebens ein Intensiv-Pflegefall. Nach den Ermittlungen der Polizei soll allerdings ein zweiter Täter bei der Tat mitgeholfen, dem Opfer nach den Kopfschlägen auch noch eine Bierflasche auf den Kopf geschlagen und dann zusätzlich dem bereits Bewusstlosen Fußtritte verpasst haben. Der zweite mutmaßliche Täter ist auf der Flucht.

Das Opfer selbst können die Stuttgarter Richter nicht mehr in den Zeugenstand rufen. Dafür wurde am gestrigen zweiten Verhandlungstag die Tochter des 65-Jährigen zum Zustand ihres Vaters befragt: Ihre Familie hat marokkanische Wurzeln, der Vater - ein ehemaliger Elite-Soldat - sei jedoch schon mit 20 Jahren nach Deutschland gekommen, habe hier geheiratet und sich eine Zukunft aufgebaut. Zuletzt war er als Maurermeister bei einer Firma in Altbach tätig. Sie kenne ihren Vater nur als einen sehr freundlichen und hilfsbereiten Mann.

Schwere Hirnschäden erlitten

Bereits im Mai letzten Jahres soll er jedoch in der Altbacher Arbeiter-Unterkunft, in der er seit der Trennung von der Ehefrau lebte, von Kollegen krankenhausreif verprügelt worden sein. Eine Anzeige erfolgte jedoch nicht. Die Tochter berichtet, dass er sich bei seiner Familie von diesen Verletzungen erholt habe. Er sei kurz vor dem Ruhestand gewesen, als dann in der Nacht zum 9. Juni das Schreckliche geschah. Schwerst verletzt sei er in eine Klinik nach Urach gebracht und dort in ein künstliches Koma versetzt worden. Die Ärzte hätten ihn praktisch aufgegeben, sagt die Tochter. Nach drei Monaten jedoch sei er aufgewacht, habe aber schwere Hirnschäden erlitten, mehrere Kieferbrüche und sein ganzes Gesicht sei verschoben. Durch die Hirnverletzungen habe sich auch sein Wesen verändert, er sitzt im Rollstuhl und ist in einer Intensiv-Pflegestation untergebracht, orientierungs- und hilflos. Von der Tat selbst könne er nicht berichten, sagt die Tochter. Er habe inzwischen, ausgelöst durch die Verletzungen, zwei schwere Lungenentzündungen hinter sich, und die Tochter weiß nicht, wie es mit ihm weitergeht.

Während die Zeugin den Zustand ihres Vaters berichtet, sitzt der 36-jährige Angeklagte teilnahmslos neben seinem Verteidiger. Er hat am ersten Verhandlungstag berichtet, dass er sich nur noch an die vier Stunden vor dem Tatgeschehen erinnert. Was danach geschah, wisse er nicht. Auch über einen zweiten Mittäter gibt er den Richtern keine Auskunft.

Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts hat für die nächsten Verhandlungstage weitere Zeugen vorgesehen. Ein Urteil gegen den 36-jährigen Beschuldigten soll jedoch erst im März gesprochen werden. Bernd Winckler